1.
Einleitung
In
diesem Kapitel geht es um eine Frage, die in
vielen Religionen diskutiert wird: ist das Leben eines Menschen durch
göttliche Setzung vorherbestimmt, oder ist es von einer solchen
Determinierung frei? Dazu ist es sicher sinnvoll, die gebrauchten Begriffe
genauer zu definieren.
►
Begriffsdefinitionen zur
Prädestination
Koran und
sunnah beinhalten zu diesem Themenbereich umfangreiche Aussagen. Dabei
zeigt sich ein Dilemma, das in den islamischen Schriften selbst steckt:
Wie wir in diesem Kapitel darlegen, machen
unzählige Stellen eindeutige Aussagen darüber, daß Allah das Leben
eines jeden Menschen vorprogrammiert hat.
Dies insbesondere in Bezug auf das zentrale Thema der islamischen
Heilslehre: den Glauben beziehungsweise Unglauben der Menschen.
Andererseits scheint der dringende koranische Mahnruf,
die vielen rituellen und schariatischen
Gebote zu befolgen nahezulegen, daß Allah
den Menschen durchaus als fähig erachtet, sich Seiner Rechtleitung immer
wieder willentlich zu unterstellen.
Diese
Glaubensanstrengung erfolgt im Hinblick auf das wichtigste Ereignis im
Leben eines gläubigen Muslim: das Endgericht. Dann werden alle
Rechenschaft für ihre Handlungen ablegen müssen.
►
Das Jüngste Gericht
Dies macht jedoch nur Sinn, wenn dem Menschen
Entscheidungsfreiheit und damit Verantwortung zugestanden werden.
„Ohne die Freiheit zur Wahl seiner Handlungen wäre die Verantwortung des
Menschen für sein Verhalten am Tage des Jüngsten Gerichts bedeutungslos.“
(Encyclopaedia of the
Qur’an, Brill, Leiden + Boston, 2006, Seite 522) Selbstverantwortung und
Vorherbestimmung des Lebens schließen sich
gegenseitig aber logischerweise aus.
Die
einzige Möglichkeit, die beiden konträren Konzepte - Vorherbestimmung und
Selbstverantwortung - kompatibel zu machen besteht darin, daß wir
annehmen, daß Allah den Glauben der Gläubigen und
den Unglauben der Ungläubigen vorherbestimmt hat.
Und genau diese Aussage machen Koran und sunnah. Damit sind immerhin die
Gläubigen dereinst sehr wohl dafür verantwortlich, ob sie die islamische
Lehre punktgenau befolgt haben oder nicht.
Der
wichtigste Hinweis auf die Verantwortung der Gläubigen für ihre Taten muß
man also nicht einzelnen Versen sondern der islamischen Heilslehre
insgesamt entnehmen. Die
Forderung nach genauer Einhaltung der fünf Säulen des Islam sowie aller
schariatischen Bestimmungen macht nur Sinn, wenn sich der Gläubige bei
allen auftauchenden Lebensproblemen immer wieder darum bemühen kann, sich
den Anforderungen des Dogmas entsprechend zu verhalten. Entsprechend
den in diesem Kapitel vorgestellten Belegen ist eben diese Fähigkeit und
Bereitschaft offenbar von Allah bewirkt worden. Sie ist damit letztlich
auch vorherbestimmt.
Für die
Ungläubigen stellt sich die Situation wesentlich unbefriedigender dar.
Dies nicht nur, weil Allah ihren Unglauben vorherbestimmt hat. Vielmehr
müssen die sehr zahlreichen Verse im Koran zum Los der Ungläubigen
dahingehend verstanden werden, daß sich der Allmächtige auch noch
permanent darum kümmert, daß sie ungläubig bleiben.
►
Allahs
Allmacht
►
Allah bestimmt, wer überhaupt gläubig werden kann
►
Prädestination im
Koran
Die Vorherbestimmung ist ein
unabdingbarer Teil des islamischen Dogmas. Sie ist der sechste Punkt der
Glaubensvorschriften, die im nächsten Kapitel vorgestellt werden.
2. Die 6 Glaubensvorschriften
Wir haben die fünf Säulen des Islam schon kennen gelernt
►
Begriff
-
Glaubensbekenntnis (schahada)
-
Gebet (salat)
-
Almosen (zakat)
-
Fasten (saum)
-
Pilgerfahrt nach Mekka (haddsch)
Darüber hinaus sind noch sechs Glaubensvorschriften
oder Glaubensinhalte ausformuliert worden, die für das Dogma ebenso
grundlegend sind und die in sich eine unzertrennliche Einheit bilden.
►
http://www.islamreligion.com/de/category/50/
Leugnet ein Muslim nur eine davon, verwirft er
auch die anderen. Die Vorschriften umfassen den Glauben:
-
an Gott
-
an Seine Engel
-
an die Heilige Schrift
-
an Seine Apostel
-
an die Wiederauferstehung und den Tag des Jüngsten
Gerichtes
-
an Gottes Vorherbestimmung
Die sechs Glaubensvorschriften sind direkt aus der sunnah
abgeleitet. Der Engel Gabriel hat die Richtigkeit dieses Dogmas bezeugt:
Muslim
B001 N0001 erzählt von Yahya b. Ya’mur:
... Er schwor dann bei Allah und sagte: „Wenn irgendeiner von denen,
welche nicht an das Göttliche Dekret glauben einen Goldhaufen in der Größe
vom Berge Uhud hätte, würde Allah diese Goldmasse nicht akzeptieren, außer
er würde seinen Glauben in das Göttliche Dekret (wieder) herstellen.“ Er
führte weiter aus, daß sein Vater, Umar ibn al-Khattab ihm folgendes
erzählt habe: „Eines Tages, als wir mit Allahs Gesandten herumsaßen,
erschien ein Mann, der ganz in weiß gekleidet war, jedoch pechschwarzes
Haar hatte. Er sah nicht aus als ob er gereist sei und niemand von uns
erkannte ihn. Schlußendlich kniete er sich vor Mohammed hin, legte die
Hände auf seine Oberschenkel und sagte: ‚Mohammed, informiere mich über
den Islam.’ Dieser erklärte: ‚Islam meint, daß man bezeugt, es gäbe keinen
Gott außer Allah, daß Mohammed sein Gesandter ist, daß man regelmäßig
betet, Zakat (Almosen)
entrichtet, während des Ramadan fastet und eine Pilgerfahrt nach Mekka
unternimmt, falls man es sich leisten kann.’ Der Besucher meinte: ‚Du hast
die Wahrheit gesprochen.’ Umar ibn al-Khattab sagte, daß sie erstaunt
gewesen wären weil der Fremde erst eine Frage gestellt und dann die
Antwort verifiziert habe. Er hätte aber nochmals gefragt: ‚Informiere mich
über den Glauben.’ Worauf der heilige Prophet geantwortet hätte: ‚Du
bekräftigst deinen Glauben an Allah, Seine Engel, Seine Bücher,
Seine Apostel, an das Jüngste Gericht und du bekräftigst deinen Glauben an
das Göttliche Dekret
(al-Qadar)
betreffend
Gut und Böse.’ Worauf der Fragesteller wiederum gesagt hätte: ‚Du hast die
Wahrheit gesprochen.’ ... Ich blieb dann für eine lange Weile bei
Mohammed, nachdem sich der Fremde wieder davon gemacht hatte. Schließlich
fragte mich der Prophet: ‚Weißt du wer das war?’ Ich erwiderte, daß Allah
und Sein Gesandter es am besten wüßten. Er verriet: ‚Es war der Engel
Gabriel. Er kam zu dir um dich in Sachen Religion zu unterrichten.’
Thomas Patrick Hughes schreibt dazu:
„Taqdir, das absolute Dekret von Gut und Böse ist der sechste Artikel des
mohammedanischen Glaubensbekenntnisses.
Der
orthodoxe Glaube setzt fest, daß was immer sich auf dieser Welt ereignet
hat oder ereignen wird aus dem Göttlichen Willen hervorgeht, ob es nun gut
oder schlecht sei.
Alles wurde unwiderruflich von der Schreibfeder des Schicksals auf
der immerwährenden Tafel aufgeschrieben und fixiert. Diese Doktrin
formuliert sehr wichtige Charakterzüge innerhalb des muslimischen
Glaubenssystems und wird dementsprechend im Koran gelehrt.“
(Thomas Patrick Hughes, A Dictionary of
Islam, W.H. Allen & CO, 1895)
►
Inventar der Schöpfung
3. Prädestination in der sunnah
Die Setzung des Schicksals durch
Allah wird unter anderen in folgenden hadith-Belegen
beschrieben:
Bukhari V8 B77 N594 berichtet von Anas bin Malik:
Der Prophet hat folgendes gesagt: „Allah macht einen Engel für den Uterus
verantwortlich, welcher dann berichtet: ‚Oh Herr, wir haben es mit Samen
zu tun! – Oh Herr, nun sehe ich einen Blutklumpen! – Oh Herr, nun ist er
zu einem Stück Fleisch geworden.’ Wenn Allah später wünscht, Seine
Schöpfung zu vollenden, fragt der Engel: ‚Oh Herr, wird es nun ein Junge
oder ein Mädchen? Ein Bösewicht oder ein guter Mensch? Wie viel wird er
verdienen? Wie alt wird er werden?’
All dies
wird nämlich aufgeschrieben während das Geschöpf noch im Mutterleib
weilt.“
Bukhari V8 B77 N595 berichtet von Imran bin Husain:
Ein Mann hat den Gesandten Allahs folgendes gefragt: „Können die
Paradiesanwärter von den Höllenanwärtern unterschieden werden?“ Der
Prophet bejahte dies. Der Mann fragte weiter: „Warum versuchen Menschen
gute Taten zu vollbringen?“ Der Prophet antwortete darauf: „Jeder wird
diejenigen Taten vollbringen, für die er erschaffen wurde oder er wird
dasjenige tun, welches ihm leicht von der Hand läuft.“ Dies bedeutet, daß
jedermann es als ein leichtes empfindet, dasjenige zu tun, welches ihn zu
seinem schon vorher bestimmten Platz führt, für den er erschaffen wurde.
Bukhari V9 B93 N641 erzählt von Imran:
Ich fragte: „Gesandter Allahs, wieso sollen Menschen gute Taten
vollbringen?“ Er antwortete: „Es wird jedermann leicht fallen, solche
Taten zu vollbringen weil ihn diese zu seinem vorausbestimmten
Bestimmungsort für welchen er geschaffen wurde bringen.“
Muslim B033 N6436 erzählt von A’isha, der Mutter aller Gläubigen:
Der Gesandte Allahs wurde zum Begräbnisgebet eines Ansari Kindes gerufen.
Ich sagte zu ihm: „Glück hat dieses Kind denn es ist eines der
Paradiesvögel, es hat weder gesündigt noch jenes Alter erreicht von dem an
man überhaupt sündigen kann.“ Er erwiderte: „A’isha, es ist sozusagen
verkehrt herum; denn Allah schuf für das Paradies jene welche schon in den
Lenden ihrer Väter dafür geeignet waren und für die Hölle jene die dafür
vorbestimmt sind. Er schuf sie für die Hölle, als sie noch in den Lenden
ihrer Väter schlummerten.“
Nun stellt sich die Frage, wie detailliert der Allmächtige
das Schicksal des Einzelnen festgelegt hat, das heißt wie eng die
Leitplanken des Lebensvollzugs gesetzt sind. Die oben erwähnten Berichte
geben nur den groben – aber um so zentraleren Raster - vor. Gibt es eine
mehr oder weniger große Restmenge von Freiheit? Wenn zum Beispiel einem
Menschen von Allah vorherbestimmt ist, reich zu werden, dann wäre damit
noch nicht festgelegt, auf welche Weise dies stattfinden wird? Auch die
Ursache des Todes wäre nicht vorherbestimmt, sondern lediglich der
Zeitpunkt?
Noch früher als erst im Mutterleib festgelegt beschreibt
der folgende Beleg die Vorherbestimmung. Die Taten von Adam wurden ihm
nicht nur von Allah in sein Lebensbuch geschrieben. Vielmehr weiß Adam,
daß sie die Folge einer Verfügung Allahs sind, die
„bereits vor meiner Erschaffung in meinem Schicksal festgelegt war“.
Bukhari
V4 B55 N 621 berichtet von Abu Huraira:
Allahs Prophet sagte: „Adam und Moses stritten miteinander. Moses sagte zu
Adam: ‚Du bist Adam, deine Fehler haben dich das Paradies gekostet.’ Adam
antwortete: ‚Du bist Moses, welcher Allah als Seinen Propheten gewählt
hat. Er hat persönlich mit Dir gesprochen, doch du bezichtigst mich für
etwas, was bereits vor meiner Erschaffung in meinem Schicksal festgelegt
war?’“ Allahs Prophet sagte zweimal: „So siegte Adam im Streitgespräch
gegen Moses.“
Die Exegese zu folgendem Vers, in welchem Allah darauf
hinweist, daß Er gewisse Menschen
„wissentlich irreführt“
erklärt, weshalb Er eine bedeutende Zahl von Menschen und
dschinn
in die Hölle schicken wird: Der Allmächtige muß dies tun, denn Er hat das
Schicksal eines solchen Menschen schon vor-vorherbestimmt:
„Er
erkannte ihn schon bevor er erschaffen wurde als einen, welcher der
Irreleitung folgen würde“.
Sure 45, Vers 23:
Was meinst du wohl? Wer zum Gott sein Gelüst annimmt und wen Allah
wissentlich irreführt,
und ihm Ohr und Herz versiegelte und auf seinen Blick eine Hülle legte –
wer wird ihn leiten außer Allah? Lassen sie sich denn nicht ermahnen?
Tafsir
al-Jalalayn 45, 23:
Sag
mir, falls du denjenigen triffst, der als seinen Gott seine eigenen
Gelüste genommen hat, der also zum Beispiel nach einem neuen Edelstein
trachtet, sich einen neuen wünscht von dem er annimmt, daß er noch besser
als der alte ist. Allah, der Erhabene hat diesen Menschen seinerseits
willentlich irregeleitet, denn
Er
erkannte ihn schon bevor er erschaffen wurde als einen, welcher der
Irreleitung folgen würde.
Also versiegelte Er seine Ohren und sein Herz, damit er die Worte der
Rechtleitung weder hören noch verstehen kann. Er band ihm zudem eine Binde
um die Augen damit er die göttliche Führung gar nicht wahrnehmen kann. Wer
außer Allah wird ihn rechtleiten, nachdem Er ihn in die Irre geführt hat?
Mit anderen Worten: er wird niemals Rechtleitung finden. Wirst du dich
denn nicht erinnern und ermahnen lassen?
Die Festschreibung des Schicksals im Mutterleib, so wie
sie im eingangs erwähnten hadith-Beleg beschrieben wird, ist also
tatsächlich lediglich die Fixierung der schon vorliegenden
unwiderruflichen Vorherbestimmung durch Allah. Jetzt kann man auch die
Unterhaltung von Adam mit Moses im Himmel besser verstehen, von welcher
Mohammed Kenntnis hatte. Adam weist ja darauf hin, daß man ihn nicht für
etwas belangen kann, „was
bereits vor meiner Erschaffung in meinem Schicksal festgelegt war“.
►
Allah erschafft Gut und Böse, Glauben und Unglauben
4. Prädestination im Koran
Auf welche Aussagen im Koran berufen sich die islamischen
Theologen, wenn sie die Vorherbestimmung des menschlichen Lebens durch
Allah zu einem unabdingbaren Teil des Dogmas erklären?
Den deutlichsten Hinweis auf die
Prädestination macht der Koran in folgenden Versen. Dort wird den
Gläubigen versichert, daß sie nur das durchleben müssen, was Allah für sie
„verzeichnet“
hat beziehungsweise
„das nicht in einem Buch stünde, bevor
Wir es geschehen ließen“:
Sure 9, Vers 51: Sprich: „Nimmer trifft uns ein anderes als was Allah uns
verzeichnet. Er ist unser Beschützer, und auf Allah sollen alle Gläubigen
vertrauen.“
Sure 57, Vers 22: Kein Unheil geschieht auf Erden oder euch, das nicht in einem Buch
stünde, bevor Wir es geschehen ließen. Siehe, solches ist Allah leicht:
Sure 57, Vers 23: Auf daß ihr euch nicht betrübt über das, was euch entgeht, und
euch freuet über das, was Er euch gibt. Denn Allah liebt keine stolzen
Prahler.
Im weiteren hat eine bedeutende Anzahl
von Versen im Koran zum Inhalt, daß Allah den Unglauben und die
Irreleitung der Menschen verfügt:
Alle diese Verse haben einen deutlich
deterministischen Charakter. Bevor sie im Detail untersucht werden ist es
hilfreich, ihre Genesis zu beleuchten.
4.1. Die Entstehung der Verse über den vorherbestimmten Unglauben und die
Irreleitung
Verlassen
wir einmal die dogmatischen Betrachtungen und fragen, wie die in diesem
Kapitel noch vorzustellenden Verse zur Verweigerung der Glaubensannahme
und der Irreleitung überhaupt entstanden sind. Wie kommt es, daß so
zahlreiche Offenbarungen mit weitgehend identischem Inhalt im Koran
stehen? Würde es nicht reichen, wenn Allah Seine Versicherung der
Irreleitung von Ungläubigen einmal kund getan hätte?
Diese
Redundanz hat ihren Grund in der Geschichtlichkeit der koranischen
Botschaft. Mohammed hatte in Mekka mit der Unbelehrbarkeit der Quraisch
und in Medina mit der Halsstarrigkeit der dortigen Juden zu kämpfen. Bei
jeder Auseinandersetzung, bei jedem Disput übermittelte Gabriel dem
Gesandten die nötigen Botschaften. Weil seine Belehrungen nichts
fruchteten waren auch die Offenbarungen immer gleichen Inhalts.
Dazu R.
Paret:
„Mohammed muß schwer darunter gelitten haben, daß die Mehrzahl der
Mekkaner ... von seiner Botschaft nichts wissen wollten ... Die
Ergebnislosigkeit seiner Bemühungen und die Erfahrung, daß er tauben Ohren
predigte, konnte nicht spurlos an ihm vorübergehen ... Unter dem Eindruck
dieser bitteren Erfahrung meldeten sich auch in seiner Verkündigung die
Stimmen der Resignation und des Pessimismus zu Wort. Auf die Dauer mußte
er sich eben mit den Tatsachen abfinden.
Ja
mehr noch, er mußte versuchen, die Halsstarrigkeit und Unbelehrbarkeit
seiner Gegner mit der göttlichen Weltordnung und der Heilsgeschichte in
Einklang zu bringen.
In Anbetracht der
Tatsache, daß der Koran als ganze Sammlung wie auch innerhalb der
einzelnen Suren
einer
chronologischen Anordnung entbehrt,
ist es natürlich nicht möglich, die Linien des hier angedeuteten
Entwicklungsprozesses genau nachzuzeichnen. Wir müssen zudem damit
rechnen, daß Abschnitte, die uns für die Gesamtentwicklung, oder für das
Endergebnis charakteristisch erscheinen, erst in der Zeit nach der Hijra
ihre letzte Prägung erhalten haben, denn auch bei seiner
Auseinandersetzung mit den Juden von Medina ist der Prophet auf
hartnäckigen Widerstand gestoßen ... Der Unglaube der Mekkaner hat
Mohammed zu einer grundsätzlichen Stellungnahme gezwungen. Daher ist es
wohl angebracht, einige der wichtigsten koranischen Belege gleich hier im
Zusammenhang anzuführen. Sie haben, um es vorwegzunehmen, eine
ausgesprochen deterministische Tendenz.
Hie und da stellt
Mohammed die bloße Tatsache fest, daß sein Bemühen, die Ungläubigen zum
Glauben zu bringen, vergeblich ist
...
Meistens geht aber der Prophet noch weiter, indem er die Halsstarrigkeit
der Ungläubigen auf den Willen Gottes zurückführt. Das bedeutet
gleichzeitig eine Entlastung für ihn selber.
Der
deterministische Charakter von Mohammeds Urteil über die Halsstarrigkeit
seiner Gegner tritt besonders deutlich an den Stellen in Erscheinung, an
denen er davon spricht, daß Gott die Ungläubigen "irren läßt". Der dabei
verwendete Ausdruck „adalla“ bedeutet nicht bloß zulassen, sondern
geradezu veranlassen, daß jemand irre geht ... Gott scheint sich von
vornherein auf die Prädestination festgelegt zu haben, und zwar in malam
partem (im schlechten Sinn, zu ungunsten).
So spricht er in einer eschatologischen Szene zu den in die Hölle
Verdammten:
Sure 32, Vers 13:
Wenn wir gewollt hätten, hätten wir einem jeden seine Rechtleitung
zukommen lassen. Aber mein Wort ist in Erfüllung gegangen: „Ich werde die
Hölle mit lauter Dschinn und Menschen anfüllen.“
Sure
11, Vers 119:
ausgenommen diejenigen, derer dein Herr sich erbarmt hat. Dazu, damit sie
uneins seien und von der Wahrheit abirren hat er die Menschen geschaffen.
Und das Wort deines Herrn ist in Erfüllung gegangen (das besagt): „Ich
werde wahrlich die Hölle mit lauter Dschinn und Menschen anfüllen.“
Vereinzelt klingt
wohl einmal der Gedanke auf, daß der Teufel als der typische Verführer mit
am Werk ist.
Die
entscheidende Aktivität geht aber immer von Gott aus.
Er bestimmt, wer von seinen Dienern dereinst in die Seligkeit, und wer von
ihnen in die Verdammnis eingehen soll. Kein Wunder, daß sich nachmals in
der islamischen Theologie der Determinismus gegenüber der Lehre von der
Entscheidungsfreiheit des Menschen durchgesetzt hat.
(R. Paret, Mohammed und der Koran, Seite 108 ff, Verlag W.
Kohlhammer, Stuttgart, 1980)
Im folgenden wird versucht, die von R.
Paret erwähnten Verse in Unterkapiteln aussagekräftig zu strukturieren.
Wie hier angedeutet, erschließt sich Ihr Sinn leichter, wenn die
historischen Umstände ihrer Entstehung berücksichtigt werden.
4.2. Allah
bestimmt, wer gläubig werden kann
Zahlreiche koranische Belege weisen
auf die Allmacht Allahs hin. Demnach ist es Sein ausdrücklicher Wille, daß
nicht „alle
auf der Erde insgesamt gläubig werden“. Außerdem
überlagert Sein Wille den Willen der Menschen. Ein Mensch kann nur gläubig
werden, wenn Allah es will
„Doch
werdet ihr nicht wollen, es sei denn, daß Allah will“.
Sure 10, Vers 99:
Und wenn dein Herr gewollt hätte, so würden alle auf der Erde insgesamt
gläubig werden. Willst du etwa die Leute zwingen, gläubig zu werden?
Sure 10, Vers
100:
Und
keine
Seele kann gläubig werden ohne Allahs Erlaubnis;
und Seinen Zorn wird Er über die senden,
welche nicht begreifen.
Tafsir al-Jalalayn
10, 99:
Und wenn euer Herr gewollt hätte so würden alle Menschen auf dieser Erde
zusammen gläubig sein. Würdest du nun Leute zwingen, das zu machen, was
Allah nicht will, nämlich gläubig zu werden? Nein!
Tafsir
al-Jalalayn 10, 100:
Und keine Seele kann gläubig sein ohne daß Allah es ihr willentlich
erlaubt. Er wird Abscheuliches veranlassen und züchtigend über diejenigen
herfallen, welche kein Verständnis dafür haben, Allahs Zeichen zu
reflektieren.
Sure 16, Vers 93:
Und so
Allah es gewollt, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht; jedoch
führt Er irre, wen Er will, und leitet recht, wen Er will; und wahrlich
zur Rechenschaft gezogen werdet ihr für euer Tun.
Sure 5, Vers 48:
... und so Allah es wollte, wahrlich, Er machte euch zu einer einzigen
Gemeinde;
doch
will Er euch prüfen in dem, was Er euch gegeben ...
Sure 81, Vers 28:
Siehe, es ist nur eine Ermahnung für alle Welt,
Sure 81, Vers 29:
Doch
werdet ihr nicht wollen, es sei denn, daß Allah will,
der Herr der Welten.
Sure 6, Vers 125:
Und
wen Allah leiten will, dem weitet Er seine Brust für den Islam,
und wen Er irreführen will, dem macht Er die Brust knapp und eng,
als wollte er den Himmel erklimmen. Also straft
Allah die Ungläubigen.
Tafsir
al-Jalalayn 6, 125:
Wen immer Allah rechtleiten will, dem weitet Er die Brust damit für den
Islam Platz geschaffen werde. Er sendet Licht in das Herz (des Gläubigen),
um es auszuweiten, damit es (den Glauben) annehme, sowie es in den
Schriften steht. Und wen immer Allah irrezuleiten wünscht, dem verengt es
dessen Brust so daß sie in ihrer argen Verengung den Glauben nicht
anzunehmen vermag. Gleichsam wie wenn er (der Ungläubige) – wenn von ihm
die Glaubensverpflichtungen abverlangt werden – im Begriff wäre, in den
Himmel aufzusteigen, was für ihn äußerst beschwerlich ist. Genauso wie
diese Brustverengung wirft Allah auch Schande und Züchtigung (in die
Herzen der Ungläubigen), oder Er gibt Satan Macht über diejenigen, welche
nicht glauben.
Sure 13, Vers 31: Und gäbe es auch einen Koran, mit dem die Berge versetzt oder die
Erde zerrissen oder mit den Toten geredet werden könnte ... sie glaubten
doch nicht. Aber Allahs ist der Befehl allzumal. Und wissen denn etwa die
Gläubigen nicht,
daß
wenn Allah wollte, Er die Menschen allzumal rechtleitete?
Sure 10, Vers 25:
Und Allah ladet ein zur Wohnung des Friedens und leitet, wen Er will auf
einem rechten Pfad.
Sure 76, Vers 29: Siehe, dies ist eine Ermahnung, und wer da will, der nimmt zu
seinem Herrn einen Weg.
Sure 76, Vers 30: Doch könnt ihr nicht wollen, es sei denn, daß Allah will. Siehe,
Allah ist wissend und weise.
Sure 76, Vers 31: Er führt, wen Er will, in Seine Barmherzigkeit, und für die
Ungerechten hat Er schmerzliche Strafe bereitet.
Sure 74, Vers 55: Und wer da will, gedenkt des Korans.
Sure 74, Vers 56:
Doch
es gedenken seiner nur diejenigen, die Allah belieben.
Ihm gebührt Gottesfurcht und Ihm gebührt die Verzeihung.
Der Rechtleitung teilhaftig zu werden ist ohne den Willen
des Herrn der Welten also nicht möglich.
„Zusätzlich zur Fähigkeit, Seine Kreaturen zu bestrafen, zu prüfen und zu
beschützen hat auch nur Er die Macht, sie mit der Rechtleitung zu
versorgen.“
(Encyclopaedia of the Qur’an,
Brill, Leiden + Boston, 2006, Seite 211)
Zwar findet sich in diesen Versen kein
Hinweis darauf, ob die Entscheidung Allahs zugunsten oder zuungunsten der
Glaubensannahme Seiner Geschöpfe entsprechend dem schon vor der Geburt
festgelegten Dekret (al-qadar) erfolgt ist, das heißt es wird nicht auf
das ursprüngliche Buch hingewiesen.
►
Inventar der Schöpfung
Es könnte somit eine spontane,
situationsbedingte Entscheidung Allahs vorliegen. Da aber die ganze
Menschheitsgeschichte im Inventar der Schöpfung abgebildet ist, müssen sie
als Bestätigung der vollkommenen Prädestination gelesen werden.
4.3.
Allah erschafft den Unglauben und die Ungläubigen
Die folgenden Verse machen zum selben Thema der Befähigung
zur Glaubensannahme eine noch weitergehende Aussage. Demnach ist es nicht
nur Allahs Entscheidung, welche Seiner Diener Er zum Glauben kommen läßt.
Vielmehr weist der Koran hier deutlich darauf hin, daß Allah diejenige
Instanz ist, die Glauben oder Unglauben erschafft und zwar
ausschließlich entsprechend Seinem Willen und Seinem Belieben.
►
Allah erschafft Gut und Böse, Glauben und Unglauben
In der Tat hat Allah, gemäß Seiner Allmacht, alles
geschaffen, und damit auch den Unglauben und die Ungläubigen
„damit
sie uneins seien und von der Wahrheit abirren hat er die Menschen
geschaffen.“
Sure 11, Vers 118:
Und wenn dein Herr gewollt hätte, hätte Er die Menschen zu einer einzigen
Gemeinschaft gemacht. Aber sie sind immer noch uneins,
Sure 11,
Vers 119:
ausgenommen diejenigen, derer dein Herr sich erbarmt hat.
Dazu, damit sie uneins seien und von der Wahrheit abirren hat er die
Menschen geschaffen.
Und das
Wort deines Herrn ist in Erfüllung gegangen (das besagt): „Ich werde
wahrlich die Hölle mit lauter Dschinn und Menschen anfüllen.“
(Übersetzung nach R. Paret)
Tafsir
al-Jalalayn 11, 119:
außer diejenigen, derer sich dein Herr erbarmt und für welche Er sich
Gutes wünscht und die sich nicht unterscheiden, das heißt die gläubig
sind. Die Ungläubigen hat Er so geschaffen, daß sie sich unterscheiden,
das heißt, daß sie nicht gläubig sind. Das ist der Grund, weshalb Er sie
so erschaffen hat. Und diejenigen, die Gnade verdienen hat Er so
erschaffen, daß sie Gnade bekommen. Und das Wort deines Herrn hat sich
folgendermaßen erfüllt: „Wahrlich,
Ich werde Menschen und Geister (Dschinn) zusammen in die Hölle stopfen.“
Deutlicher könnte der Koran Allahs Weltenplan nicht mehr
skizzieren. Er hat die Ungläubigen ungläubig erschaffen, und sie sind
nicht diejenigen, „derer
dein Herr sich erbarmt.“
In weiteren Versen wird im Koran
ausdrücklich betont, daß Allah viele Menschen und dschinn
►
Die dschinn
nur dafür geschaffen hat, damit sie dereinst in der
Hölle schmoren. Das Leben dieser Unglücklichen wurde also zum Zwecke der
ewigen Verdammnis geschaffen:
Sure 7, Vers 178:
Wen Allah leitet, der ist der Geleitete, und wen Er irreführt, das sind
die Verlorenen.
Sure 7, Vers 179:
Und wahrlich,
Wir
erschufen für Dschahannam viele der Dschinn und Menschen.
Herzen
haben sie, mit denen sie nicht verstehen, Augen haben sie, mit denen sie
nicht sehen, und
Ohren haben sie, mit denen sie nicht hören; sie sind wie das Vieh, ja
gehen noch mehr irre; sie sind die Achtlosen.
Im nächsten Vers bezieht sich Allah
auf Seine eigene obenstehende Offenbarung. Er gibt den Grund an, warum Er
einzelnen Menschen und dschinn Seine Rechtleitung verwehrt:
„Das
Wort von Mir“ soll in
Erfüllung gehen. Es handelt sich bei der bewußten Erschaffung Ungläubiger
tatsächlich um einen Plan des Herrn der Welten:
Sure
32, Vers 13:
Und hätten Wir gewollt, wahrlich, Wir hätten jeder Seele eine Leitung
gegeben; jedoch soll das Wort von Mir wahr werden: „Wahrlich erfüllen will
Ich Dschahannam mit Dschinn und Menschen allzumal.“
Man muß folgern, daß Allah gewissen
Individuen und Völkern bewußt die Rechtleitung versagt, für die Er es
schon in der Vor-Ewigkeit verfügt hat.
4.4.
Die Irreleitung
Auch Allahs Irreleitung des Menschen ist ein deutlicher
Beleg für Seine Allmacht. Sie betrifft ausschließlich die verweigerte
Option zum Glauben und beinhaltet eine ähnliche Aussage wie sie in den
beiden vorangehenden Kapiteln gemacht wurde: Allah leitet zum Glauben wen
Er will und führt irre, wen Er will. Allah veranlaßt diese Beeinflussung
entweder selber oder delegiert sie
an die Satane, welche wankelmütige Menschen in die Irre,
das heißt in den Unglauben leiten.
►
Satane im Islam
Die
Irreleitung ist ein komplexes Konzept und
verdient genauere Betrachtung. Einerseits ist das Leben der Menschen
vorherbestimmt, andererseits zeugen unzählige Verse im Koran davon, daß „Allah
tut, was Er will“. Zu dieser scheinbar
willkürlichen Machtausübung gehört auch Seine
Irreleitung der
„Ungerechten“.
Sure 14, Vers 27:
Festigen wird Allah die Gläubigen durch das festigende Wort im irdischen
Leben und im Jenseits; und Allah führt die Ungerechten irre; siehe, Allah
tut, was Er will.
Bei der
hier erwähnten Irreleitung scheint es sich also um eine spontane
Bestrafung von glaubensrenitenten Menschen zu handeln. Wie auch in den
beiden vorangehenden Kapiteln (4.2. und 4.3.) herausgearbeitet
wurde, muß diese Bestrafung aber als Bestätigung der Vorherbestimmung
gelesen werden.
►
Irreleitung
4.5. Textanalyse
Im Kapitel
►
Prädestination
in der sunnah haben
wir erfahren, daß der Allmächtige alles vorherbestimmt hat; also
nicht nur den Glauben, sondern auch den Unglauben Seiner Kreaturen.
Die Verse des Korans zu diesem Thema,
wie sie in diesem Kapitel vorgestellt werden, gehen sinngemäß in die
gleiche Richtung. Würdigt man alle Aussagen von sunnah und Koran als
gleichwertige dogmatische Grundlagen, dann ergibt sich:
Allah hat die Gläubigen gläubig
geschaffen und die Ungläubigen ungläubig.
Diese Aussage wird im
Glaubensbekenntnis des al-Ashari detailliert ausformuliert.
►
Allah erschafft Gut und Böse, Glauben und Unglauben
M. Cook schreibt:
„Das Überraschende an
der Rolle, die Gott in weltlichen Angelegenheiten spielt, ist nicht nur
Seine Allgegenwart, sondern auch Seine Ambivalenz. Wie wir gesehen haben,
kann Gott Mitleid und Erbarmen zeigen, kann sich einfühlsam denen öffnen,
die sich reuevoll an Ihn wenden; Er kann denen, die Ihn verehren,
großzügig Leistung und Hilfe angedeihen lassen, vom Lohn im Diesseits und
Jenseits ganz zu schweigen
-
aber er kann auch rachsüchtig und feindselig sein, indem er nicht nur
diejenigen bestraft, die sich Seiner Leitung verweigern, sondern sie sogar
gezielt in die Irre führt und sie nach dem Tode dem Höllenfeuer
überliefert.
Doch finden sich im Koran selbst erhellende Verse zu diesem Punkt,
die uns wieder zu Gottes Rolle als Schöpfer zurückführen. Er gebietet mit
uneingeschränkter Souveränität über Sein Weltall:
Sure 25, Vers 1:
Voller Segen
ist er, der auf seinen Diener Mohammed die Rettung (den Koran)
herabgesandt hat, damit er den Menschen in aller Welt ein Warner sei.
Sure 25, Vers
2:
Er, der die Herrschaft über Himmel und Erde hat und sich kein Kind
zugelegt hat und keinen Teilhaber an der Herrschaft hat und
der
von sich aus alles was in der Welt ist geschaffen und genau bestimmt hat.
(M. Cook, Der Koran, Reclam, Stuttgart, 2002, Seite 30 f)
Mit diesem Hinweis auf die
Souveränität Allahs kann man sich begnügen. Demnach ist es nicht die
Aufgabe der Menschen, den Weltenplan Allahs verstehen zu wollen.
Stellt man trotzdem die Frage, warum
denn derjenige,
„der
die Herrschaft über Himmel und Erde hat“ den
Glauben von Ihm geschaffener Kreaturen verunmöglicht, finden wir
die Antwort im Koran: Allah haßt die
Ungläubigen, Er zürnt ihnen und verflucht sie.
►
Allah haßt die Ungläubigen, er zürnt ihnen und verflucht sie
Die Folge dieses Haßes ist Allahs
Rache. M Cook hat schon darauf hingewiesen: Allah rächt sich bei den
Ungläubigen für ihren Unglauben, und verunmöglicht deren Konversion:
Sure 39, Vers 37:
Wen aber Allah leitet, der hat keinen,
der ihn irreführt. Ist Allah denn nicht mächtig,
der
Herr der Rache?
4.6. Die
Vorherbestimmung des Zeitpunktes des Todes
Vergleiche
►
Allah erschafft den Menschen, bestraft und verhängt den Tod
Die
„Stunde“, das heißt der
Zeitpunkt des Todes eines jeden Menschen ist vorherbestimmt, und zwar „gemäß
dem Termine setzenden Buch“.
Wie wir im Zusammenhang mit dem Bekenntnisschwur erfahren haben, ist im
islamischen Kosmos jeder Seele nur ein Auftritt auf dieser Welt
zugesprochen. Sie entsteht gemäß dem von Allah festgelegten Plan, wird
für den Bekenntnisschwur aktiviert, alsdann inaktiviert bis zur Geburt, um
dann die ihr vorherbestimmte Lebensspanne in einem menschlichen Körper zu
absolvieren, welcher schließlich im Grab zu Staub zerfällt. Diese Reste
der leiblichen Hülle werden am Ende der Welt für das große Endgericht
wiederhergestellt und mit der dazugehörenden Seele vereint, um dann für
alle Ewigkeit entweder im Paradies oder in dschahannam zu
verweilen:
Sure 3,
Vers 145:
Und niemand stirbt ohne Allahs Erlaubnis gemäß dem Termine setzenden Buch
...
Sure
31, Vers 34:
Siehe, Allah - bei Ihm ist das Wissen von der „Stunde“. Und Er sendet den
Regen herab, und Er weiß, was in den Mutterschößen ist; und keine Seele
weiß, was sie morgen gewinnen wird, und keine Seele weiß, in welchem Land
sie sterben wird. Siehe, Allah ist wissend und kundig.
5.
Freier Wille
Es folgen
einige Verspassagen aus der mekkanischen Periode der Offenbarungstätigkeit
Mohammeds. Der Prophet richtet sich an seine Zeitgenossen, die
polytheistischen Quraisch. Sie sollen die ihnen durch die koranische
Botschaft überbrachte Möglichkeit ergreifen, und sich dem richtigen
Glauben ergeben.
►
Die Zeit in Mekka
Die Verse
legen die Möglichkeit der freien Entscheidung im islamischen Dogma nahe.
Wer sich abwendet, den soll Mohammed ziehen lassen
„Und ich
bin nicht euer Hüter“.
Sure 10,
Vers 108:
Sprich: „O ihr Menschen, nunmehr kam zu euch die Wahrheit von eurem Herrn.
Und wer da geleitet ist, der ist zu seinem eigenen Besten geleitet; und
wer irregeht, der geht nur zu seinem eigenen Schaden irre. Und ich bin
nicht euer Hüter.“
Sure 10,
Vers 109:
Und folge dem, was dir geoffenbart ward; und harre aus, bis Allah richtet;
und Er ist der beste Richter.
Sure 7,
Vers 29:
Sprich: „Mein Herr hat Gerechtigkeit befohlen.“ So wendet euer Angesicht
zu jeder Moschee und rufet ihn an in lauterem Glauben. Gleichwie Er euch
schuf, kehret ihr zu Ihm zurück.
Sure 7,
Vers 30:
Einen Teil hat Er geleitet und einen Teil nach Gebühr dem Irrtum
übergeben. Siehe, sie haben sich die Satane neben Allah zu Beschützern
angenommen und wähnen, sie seien geleitet.
Sure 16,
Vers 104:
Siehe, jene, die nicht an Allahs Zeichen glauben, Allah leitet sie nicht,
und ihnen wird schmerzliche Strafe.
Sure 18,
Vers 29:
Und sprich: „Die Wahrheit ist von eurem Herrn; und wer will, der glaube,
und wer nicht will, der glaube nicht ... “
Sure 18,
Vers 30:
Siehe, diejenigen, welche glauben und das Gute tun, - siehe, nicht lassen
Wir verlorengehen den Lohn jener, deren Werke gut sind.
Sure 25,
Vers 56:
Und Wir haben dich nur als Freudenboten und Warner entsandt.
Sure 25,
Vers 57:
Sprich: „Nicht verlange ich einen Lohn dafür von euch, es sei denn, daß
jeder, der will, den Weg zu seinem Herrn ergreift.“
Sure 53,
Vers 39:
Und daß der Mensch nur empfangen soll, wonach er sich bemüht hat,
Sure 53,
Vers 40:
und daß sein Bemühen gesehen werden soll,
Sure 53,
Vers 41:
und daß er alsdann dafür belohnt werden soll mit entsprechendstem Lohn.
Sure 73,
Vers 18:
Der Himmel wird sich spalten an ihm (dem Jüngsten Tag) - was ihm angedroht
wird geschieht.
Sure 73,
Vers 19:
Siehe, dies ist eine Warnung, und wer da will, der nehme zu seinem Herrn
einen Weg.
Sure 74,
Vers 35:
Siehe, die Hölle ist wahrlich eine der größten Qualen,
Sure 74,
Vers 36:
Eine Warnung für die Menschen,
Sure 74,
Vers 37:
Für den unter euch, der vorwärts schreiten oder dahinten bleiben will.
Sure 78,
Vers 39:
Dies ist der gewisse Tag. Drum, wer da will, der nehme Einkehr zu seinem
Herrn.
Sure 80,
Vers 11:
Nicht so. Siehe, der Koran ist eine Warnung -
Sure 80,
Vers 12:
Und wer da will, gedenkt sein - ...
Die in
diesen Versen zum Ausdruck gebrachte Möglichkeit der freiwilligen
Glaubensannahme oder eben die Zurückweisung der Botschaft Mohammeds
widersprechen nur scheinbar der Doktrin der Prädestination. Denn ganz
offensichtlich handelt es sich bei den Widersachern Mohammeds in Mekka um
dahingehend vorherbestimmte Menschen.
5.1. Abrogation der Verse zur freiwilligen Annahme der Heilsbotschaft
Im Übrigen
sind die oben zitierten Verse in ihrem Kontext zu lesen. Dann erscheinen
sie allerdings weniger als Aufforderung zur freien und
willentlichen Konversion. Vielmehr sind
sie ein deutlicher Hinweis Allahs auf die dramatischen Konsequenzen dieser
Entscheidung im Jenseits. Eigentlich zunichte gemacht wird das den
Ungläubigen scheinbar zugestandene Recht zur Verweigerung des Glaubens
dann durch das in Medina eingeführte Gewaltkonzept zur
Glaubensverbreitung.
►
Anhang 2
Die oben aufgeführten Verse müssen
demnach als abrogiert (aufgehoben) angesehen werden.
►
Abrogation
Im
Weiteren sind sie im Zusammenhang mit folgendem Vers zu verstehen, den wir
im Kapitel
►
Islamische Toleranz
schon besprochen haben:
Sure 2, Vers 256:
„Es sei kein Zwang im Glauben. Klar ist nunmehr unterschieden das Recht
vom Irrtum; und wer den Tagut (Götzen) verleugnet, und an Allah glaubt, der hält
sich an der stärksten Handhabe, in der kein Spalt ist; und Allah ist
hörend und wissend.“
Zu diesem
Vers schreibt R. Paret:
„Der
Passus soll demnach nicht besagen, daß man niemanden zum Glauben zwingen
darf
(wie nach der üblichen Deutung), sondern daß man niemand dazu zwingen
kann;
das heißt, er predigt nicht Toleranz, sondern weist darauf hin, daß der
Bekehrungseifer des Propheten infolge der menschlichen Verstocktheit
weitgehend zur Erfolglosigkeit verurteilt ist."
(Digitale Bibliothek: R. Paret, Der Koran,
Kommentar zu Sure 2, S. 1212, Verlag W. Kohlhammer).
Ob nun
eben diese Verstocktheit vorherbestimmt ist oder nicht wäre die Frage. Sie
ist eigentlich schon beantwortet worden
„Und alle Dinge, die
sie tun, stehn in den Büchern“:
Muslim B033 N6420
berichtet von Abu Huraira:
Die Götzendiener der Quraisch kamen vorbei um mit dem Gesandten Allahs ein
Streitgespräch über das Schicksal zu führen. In diesem Zusammenhang wurden
folgende Verse offenbart:
Sure 54, Vers 48:
eines Tages werden sie ins Feuer auf ihren Angesichtern geschleift:
„Schmecket die Berührung des Höllenfeuers.“
Sure 54, Vers 49:
Sieh, alle Dinge erschufen Wir nach einem Ratschluß,
Sure 54, Vers 50:
Und Unser Befehl ist nur ein Wort, gleich dem Blinzeln des Auges.
Sure 54, Vers 51:
Und wahrlich, Wir vertilgten ähnliche wie euch; gibt’s aber einen, der
sich warnen läßt?
Sure 54, Vers 52:
Und
alle Dinge, die sie tun, stehn in den Büchern,
Sure 54, Vers 53:
Und alles kleine und große ist niedergeschrieben.
Sure 54, Vers 54:
Siehe, die Gottesfürchtigen kommen in Gärten mit Bächen,
Sure 54, Vers 55:
Im Sitze der Wahrhaftigkeit bei einem mächtigen König.
5.2. Der
Unglaube der Menschen und ganzer Völker
Weitere
Verse belehren uns, daß Allah durchaus auf die Taten Seiner Kreaturen
reagiert, und daß es die Entscheidung der
Menschen ist, ihre Einstellung gegenüber
Allah zugunsten der Glaubensannahme zu ändern bevor Er die
Initiative ergreift und
„die Strafe der
Früheren sie heimsucht“. In diesem Sinne behandeln
die folgenden Verse nicht nur das Schicksal
einzelner Menschen sondern dasjenige
ganzer Völker. Sie betonen ihre
Verantwortung als zusammengehörende Körperschaft - und damit
verbunden ihre freie Willensentscheidung - und weisen darauf hin, daß
Allahs Entscheidung über ihr Wohl oder Elend davon nicht
unabhängig ist. Er fällt Seine
Entscheidung souverän und zwar aufgrund der Glaubensverweigerung eines
Volkes „ehe es
nicht seiner Seelen Gedanken verändert“.
Sure 18, Vers 55:
Und nichts hindert die Menschen, nachdem die Leitung zu ihnen kam, zu
glauben und ihren Herrn um Verzeihung zu bitten, es sei denn, sie warten,
daß die Strafe der Früheren sie heimsucht oder die Marter öffentlich über
sie kommt.
Sure 8, Vers 53:
Solches, dieweil Allah Seine Gnade nicht ändert, mit der Er ein Volk
begnadet, ehe sie nicht ändern, was in ihren Seelen ist. Und siehe, Allah
ist hörend und wissend.
Sure 13, Vers 11:
Und jeder hat vor sich und hinter sich Engel, die einander ablösen und ihn
behüten auf Allahs Geheiß. Siehe, Allah verändert nicht Sein Verhalten zu
einem Volk, ehe es nicht seiner Seelen Gedanken verändert; und so Allah
Böses mit einem Volke vorhat, so kann es niemand abwehren, und außer Ihm
haben sie keine Beschützer.
Tafsir
al-Jalalayn: 13, 11:
Vor und
hinter dem Menschen befinden sich aufgrund von Allahs Befehl je ein
Schutzengel als Begleiter um ihn von den Gefahren der Dschinn und anderen
(dämonischen Wesen) fernzuhalten. Wahrlich, Allah ändert den Status der
Menschen nicht, das heißt, Er enthält ihnen Seine Gnade nicht vor,
außer
sie selber ändern durch einen Akt des Ungehorsams die gesunde
Befindlichkeit ihrer Seele. Und falls Allah Pech und Züchtigung für einen
Seiner Geschöpfe wünscht, dann gibt es niemand – ob aus der Schar der
Schutzengel oder nicht – der dies verhindern könnte.
Und diejenigen, für welche Allah Pech bereithält, haben keinen Beschützer
um dieses Unglück von ihnen abzuwenden. Sie haben nur Ihn, Allah.
Wie schon mehrfach dargelegt, ist die Konsequenz der frei
gewählten Zurückweisung der islamischen Heilslehre, daß „Allah
Böses mit einem Volke vorhat“. Aber gerade hier
zeigt sich die Widersprüchlichkeit der koranischen Botschaft
deutlich, denn der Unglaube dieser Völker muß ja
schon im Inventar der Schöpfung vorgezeichnet sein. Damit widersprechen
die vorliegenden Verse über die Entscheidungsfreiheit der
Völker den deutlichen koranischen Hinweisen zur Vorherbestimmung ganzer
Volksgemeinschaften, wie sie im folgenden Kapiteln zusammengestellt sind:
►
Die Strafgerichte der Völker - die Straflegenden
6.
Zusammenfassung
Die Frage der Vorherbestimmung und
Eigenverantwortlichkeit des Menschen hat im Koran vor allem im
Zusammenhang mit der Frage des Glaubens und Unglaubens Relevanz. Wie in
den Kapiteln
►
Prädestination
in der sunnah
►
Textanalyse
herausgearbeitet wurde, hat Allah
die Gläubigen gläubig und die Ungläubigen ungläubig erschaffen. Damit
sich diese Prädestination korrekt manifestiert, greift der Allmächtige
lenkend ein - wie zum Beispiel durch die Irreleitung.
Im Kapitel
►
Freier Wille
werden wir mit Aussagen
konfrontiert, welche in der Tat einer von Allah unbeeinflußten
Verantwortung der Menschen das Wort reden.
Allerdings müssen diese Verse als
abrogiert angesehen werden.
Auf den
Punkt gebracht wird die Inkonsistenz der dogmatischen Aussagen zur
Prädestination von A. Guillaume:
"Es gibt Texte, die
eindeutig feststellen, daß der Mensch für sein Handeln verantwortlich ist,
obgleich der größte Anteil der Schriften definitiv aussagt, daß alles
vorherbeschlossen ist. Die Mutaziliten (eine frühislamische Sekte)
befaßten sich mit diesen Stellen und schwächten die Aussagen über die
Prädestination ab. Dennoch kann nicht geleugnet werden, daß die Orthodoxie
den Koran auf ihrer Seite hatte, wenn sie geltend machte, daß die
Prädestination durch Allah absolut sei. Diese Ansicht über die
Prädestination wird von allen Kapiteln in den Büchern der kanonischen
Tradition (Sunnah) getragen. Nicht eine einzige Aussage von Muhammad wird
dort erwähnt, die dem Menschen Handlungsfreiheiten einräumen würde. Alles
ist von Anbeginn vorherbestimmt, und das Schicksal eines Menschen steht
fest, ehe er geboren wird ... Die orthodoxe Reaktion auf die Lehre vom
freien Willen des Menschen war seltsam. Die Mutaziliten wurden Dualisten
genannt, weil sie durch ihr Postulat, daß der Mensch Macht über sein
eigenes Handeln hat, diesen gleichsam zum Schöpfer seiner Werke erklärten
und somit die Allmacht Gottes beschränkten."
(A. Guillaume, Islam, Penguin, USA, 1954, Seite 131)
Eines der
zentralsten Konzepte der islamischen Theologie, die Allmacht und
Souveränität Allahs, Seine vollständige Entscheidungsfreiheit, ebenso
unangetastet und unantastbar von Seinen Gläubigen wie für sie auch
unerforschlich, ist also die Grundlage des Dogmas der Prädestination.
►
Allahs
Allmacht
Aber genau diese Souveränität wird
durch die Prämisse der von Ihm verfaßten „beschützten Tafel“ zunichte
gemacht. So gesehen ist die Konsequenz paradox:
Allah kann nichts
anderes mehr tun, als Sein eigenes Drehbuch zu erfüllen.
Eine kritische Würdigung des Themas wirft weitere Fragen
auf:
Allah hat die ganze Entwicklung der Menschheitsgeschichte
nicht nur gewußt, sondern Er hat sie verfügt.
Und bei einem solchen Weltenentwurf stellt sich ein
grundsätzliches moralisches Problem:
Der Koran hat nicht nur die bewußte
Irreleitung bestimmter einzelner Menschen sondern obendrein eine
Menschheitsgeschichte festgeschrieben, die zwingend den Unglauben ganzer
Völker und das Versagen aller vorangegangenen Propheten beinhaltet.
Warum sendet eben dieser
Schöpfer als Seinen letzten Gesandten einen Propheten auf diese Erde, der
die Rechtleitung mit dem Schwert durchsetzen soll? Der Urheber dieses
Weltenentwurfs wußte ja schon beim Verfassen Seines Drehbuchs, daß ein
solcher Eingriff einmal erfolgen wird, und daß er, wie wir im Koran lesen,
dereinst erfolgreich sein wird:
Sure 58, Vers 21: Geschrieben hat Allah: „Wahrlich, Ich werde obsiegen, Ich und
Meine Gesandten.“ Siehe, Allah ist stark und mächtig.
Dieser Vers bekräftigt die Aussage
des islamischen Dogmas, daß sowohl Mohammeds Auftritt auf der Weltbühne
als auch der weitere Verlauf der Menschheitsgeschichte nach seinem Tode
schon vorherbestimmt sind.
Haß und Gewalt gegen die
Ungläubigen (Kafir) wie auch ihre Entrechtung dauern nun doch schon seit
1'400 Jahren an, und es ist kein Ende abzusehen.
►
Das Bild des
Ungläubigen (kafir) im Islam
►
dhimmitude und Schutzgelderpressung
Die hier gestellten Fragen
lösen sich auch durch Allahs eigenen Hinweis auf Seine Souveränität nicht
auf. Sie werden durch die unerforschliche - letztlich aber willkürliche -
Freiheit zur Veränderung von Offenbarung und Schöpfung noch pointierter:
Sure 13,
Vers 39:
Allah löscht aus und bestätigt, was Er will und bei Ihm ist die Mutter der
Schrift.
►
Der Koran ist nicht immer „unerschaffen“
So muß man
sich dann wohl damit abfinden, daß die koranischen Verse, die man nicht
versteht - oder die wie im dargelegten Falle der islamischen
Prädestinationslehre kontrovers sind - zu den
„dunklen“
gehören. Ihre „Deutung
weiß jedoch niemand als Allah“
Sure 3, Vers 7:
Er ist’s, der auf dich herabsandte das Buch. In ihm sind evidente
(beschlossene)
Verse, sie, die Mutter des Buches, und andere dunkle
(unspezifische).
Diejenigen nun, in deren Herzen Neigung zum irren ist, die folgen dem
Dunklen in ihm, im Trachten nach Spaltung
(durch die Eigendeutung)
und im Trachten nach seiner Deutung. Seine Deutung weiß jedoch niemand als
Allah. Und die Festen im Wissen sprechen: „Wir glauben es; alles ist von
unserem Herrn.“ Aber nur die Verständigen beherzigen es.