Die Hijra
Die Hijra, die
Auswanderung Mohammeds aus Mekka ist eines der zentralen Ereignisse im
Leben des Propheten. Umar Ibn al-Khattab, der zweite Kalif erklärte den
Zeitpunkt dieses Ereignisses zum Beginn der islamischen Zeitrechnung.
R. Paret schreibt dazu:
"Als
der Prophet schliesslich alle Hoffnung auf einen Erfolg in Mekka aufgeben
musste, schied er mit seinen Anhängern … aus dem mekkanischen
Sippenverband aus, um sich in die Gemeinschaft der medinischen Aus und
Hazrag aufnehmen zu lassen. Das ist die eigentliche Bedeutung des
Ausdrucks Hijra, nämlich "Loslösung", "Ausscheidung" (aus dem eigenen
Verband), und nicht "Flucht", wie man meistens übersetzt."
(R. Paret, Mohammed
und der Koran, Seite 29, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 1980)
"Nach der Hijra, dem
Wechsel von bedrängter Schwäche zu einem Status wachsender Stärke, wandelt
sich die Sicht des Gesandten - im Auftrage Allahs - den Kampf gegen alles
Islamfremde betreffend von einer schwachen Erlaubnis zu einem starken
Gebot." (H.P.
Raddatz, Von Allah zum Terror?, Seite 29, Herbig Verlag, München, 2002)
Durch Allahs Einführung des
unbedingten Gewaltprinzips des Jihad in Medina wurde schnell deutlich,
dass dafür dieses urbane Umfeld ideal war,
"nicht
nur, um eine ausreichend grosse Zahl von Menschen als Potential von
Gläubigen und Steuerzahlern zu aktivieren, sondern unter diesen Menschen
vor allem eine ausreichend grosse Zahl aktiver Helfer zur weiteren
Ausbreitung finden zu können. Damit entstand das gerichtete
Expansionsprinzip des jihad als Basis zentraler Herrschaft, eine
Vorstellung, die der vorislamischen Stammesmentalität unbekannt gewesen
war."
(ebenda, Seite
26f)
Der Auszug aus Mekka hatte
dramatische psychologische und sozialpolitische Folgen. Die Ideologie des
Islam erfuhr mit diesem Ereignis eine grundlegende Veränderung. Von einer
Religion, die im Wesentlichen den Ritus des Gläubigen im Hinblick auf
göttliches Wohlgefallen regelte verwandelte sie sich in eine Doktrin mit
absolutem politischen Anspruch:
"Muhammad
und seine Schar verliessen nicht nur Mekka, sondern sie verliessen ihre
Stämme und … brachen fundamentale Brücken ab, die Raum für neue
Vorstellungen schafften."
(ebenda, Seite
26)
"In Medina …
entwickelte sich Mohammed vom Prediger und Mahner, also von einer rein
religiösen Funktion zum Staatsmann und Feldherrn unter Beibehaltung seiner
religiösen Autorität. Die zentrale Maxime dass der Islam Religion und
Staat sei, war nur in dieser politischen Konstellation möglich."
(Digitale
Bibliothek: A. T. Khoury, L. Hagemann, P. Heine: Lexikon des Islam, S. 679
f, Verlag Herder, 2004)
"Während Muhammad in
Mekka ein teils belächelter, teils bekämpfter Aussenseiter war, wurde er
in Medina zur Integrationsgestalt, die inzwischen auch den Anspruch auf
den Status eines Propheten erhoben hatte. Individuelle Identität wurde
immer weniger aus dem Stammesverband, sondern aus der Zugehörigkeit zu
einer stammesübergreifenden Glaubensgemeinschaft (Umma) bezogen."
(H.P. Raddatz,
Von Allah zum Terror?, Seite 29, Herbig Verlag, München, 2002)