1.
Das Schicksal
Zur Definition des Begriffs „Schicksal“ schreibt der
Brockhaus:
-
Das Geschick, das dem Menschen widerfährt.
-
Die Macht, die den Lebensweg des Menschen bestimmt.
„Schicksal“ ist ein philosophisches und/oder
psychologisches Konzept. Es bewertet den Verlauf des menschlichen Lebens
gleichsam von einem übergeordneten Standpunkt aus. Schicksal meint
demnach, daß ein Menschenleben aufgrund örtlicher und gesellschaftlicher
Gegebenheiten sowie intellektueller und innerpsychischer Prädispositionen
so und nicht anders abläuft. Der Begriff beinhaltet also auch Elemente,
die jenseits des Einflußbereichs des Menschen
liegen. So kann zum Beispiel jemand in kriegerische Auseinadersetzungen
verwickelt werden, auf deren Eintritt er
persönlich keinen Einfluß gehabt hat.
Ist es ist dem Menschen
durch Einsicht, Erfahrung und Willen aber trotzdem möglich, seinem
Leben in einem gewissen Masse eine selbstbestimmte Richtung zu geben?
2.
Der freie Wille
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„Und es kam der
Tag, da das Risiko, in der Knospe zu verharren, schmerzlicher wurde,
als das Risiko zu blühen.“
Anais Nin
„Der Mensch
kann tun, was er will; aber er kann nicht wollen, was er will.“
Arthur Schopenhauer
„Wage selbst zu
denken.“
Immanuel Kant |
Die hier aufgeführten Zitate belegen, daß über den Begriff
des freien Willens in Kreisen der Philosophen, Psychologen und
Schriftsteller mitnichten Einhelligkeit besteht.
Sicher hat Wille mit bewußter kognitiver Hinwendung zu
einer bestimmten, als Herausforderung erlebten Lebenssituation zu tun. Es
wird eine konzentrierte denkerische Leistung gefordert und es steht eine
Entscheidung an. Ferner können das Studium von
Schriften sowie Gespräche den Prozeß der Willensbildung unterstützen. Der
Mensch verläßt damit das den Tieren zugeordnete Reiz-Reaktions-Schema. Das
Ziel der Willensbildung ist ein bewußter Akt oder die Unterlassung eines
solchen. Der Mensch ist also fähig, sich einer Aufgabe durch
Gedanken- und Vorstellungstätigkeit zu stellen.
Zweifelsohne ist auch eine bewußt
getroffene Willensentscheidung nie frei von Erfahrungs- und
Wunschelementen und kann demnach als mehr oder weniger determiniert
angesehen werden. Auch wird kaum ein Entschluß unabhängig von seinen
gesellschaftlichen Auswirkungen getroffen werden.
Trotzdem spricht man von freiem Willen, denn er macht
sich, eingedenk der erwähnten Beschränkungen das bewußte Denken zu eigen.
3. Die Verantwortung
Gesteht ein
Gesellschaftsentwurf dem Menschen den freien Willen zu, dann folgert
daraus, daß letzterer für seine Taten Verantwortung zu tragen hat. Daher
wird in den Rechtssystemen westlicher Demokratien jeder volljährige Bürger
und jede volljährige Bürgerin grundsätzlich als mündig und damit rechts-
und schuldfähig angesehen.
Demgegenüber muß man einen
islamischen Staat als Klassengesellschaft bezeichnen,
denn es wird zwischen Gläubigen, Ungläubigen und Sklaven unterschieden,
die jeweils bei weitem nicht dieselben Rechte haben.
►
Sklaven im Koran
►
Dhimmitude und Schutzgelderpressung
Darüber hinaus sind auch Frauen den
Männern rechtlich nicht gleichgestellt.
Das kommt in vielen koranischen Bestimmungen,
unter anderem auch im schariatischen Zeugenrecht
zum Ausdruck.
►
Das Zeugenrecht in der Scharia
So viel zum weltlichen Recht.
Gegenüber Allah hat jeder Mensch – insbesondere bezüglich der
Glaubensannahme – hingegen die volle Verantwortung.
4.
Das Vorwissen
Das Vorwissen Gottes über die in Seiner Schöpfung
eintreffenden Ereignisse bis ans Ende der Zeit
besagt lediglich, daß Er entsprechend Seinem Allwissen den ganzen
Weltenverlauf kennt. Auch wenn der Gedanke ungewohnt sein mag: Die
Entscheidungsfreiheit des Menschen wird dadurch nicht negiert. Der
Allmächtige weiß einfach seit Anbeginn alles, was sich je ereignen wird.
Durch dieses postulierte Vorwissen aller Ereignisse, welches selbstredend
die Konsequenz von Gottes Allwissen ist, eröffnet sich für die Menschen
ein sehr unbefriedigendes moralisches Spannungsfeld.
Im islamischen Dogma ergibt sich aufgrund Allahs
Prädestination des ganzen Weltenverlaufs in der Vor-Ewigkeit die logische
Konsequenz, daß Vorwissen und Vorherbestimmung deckungsgleich sind.
„Vorherwissen und
Vorherbestimmung scheinen untrennbar zu sein.“
(Encyclopaedia of the Qur’an,
Brill, Leiden + Boston, 2006, Seite 244)
5.
Prädestination
„Prädestination“ ist ein
theologischer Begriff. Er beschreibt nicht das
Schicksal sondern die Ursache desselben, indem er als bestimmendes
Agens des menschlichen Geschicks Gottes Willen setzt. Er benennt
die endgültige Festlegung des menschlichen Lebens schon vor seinem
eigentlichen Vollzug und meint demnach die Vorherbestimmung des ganzen
menschlichen Lebensverlaufes
und zwar durch göttliche Fügung.
Im islamischen Glaubenssystem ist der
dafür verwendete Ausdruck al-Qadar, was so viel wie Allahs Verfügung oder
Allahs Lenkung bedeutet.
„Das
Arabische Wort „qadar“ wird vor allem in den Ahadith verwendet, „taqdir“
hingegen in den theologischen Schriften. Beide Begriffe bedeuten
„zumessen“ oder „vorausbestellen“.
(Thomas Patrick Hughes, A Dictionary of Islam,
W.H. Allen & CO, 1895)
Wir können die Prädestination im Islam auf zweierlei
Arten verstehen:
- durch sie wird die
Fähigkeit des Menschen, seinen
Verstand einzusetzen beeinträchtigt.
Der Koran beschreibt diese Version göttlicher Einflußnahme in den
unzähligen Versen, welche Allahs Irreleitung der Ungläubigen beinhalten.
►
Irreleitung
►
Anhang 40
- Wille, Verstand und Entscheidungsfreiheit des Menschen
werden nicht behindert, aber sein Leben wird - in welchem Ausmaße auch
immer - von Gottes Fügung und Führung (al-Qadar) bestimmt. Dieser
göttliche Wille bewirkt den Lebensverlauf jedes Menschen und überlagert
dessen zielorientiertes Handeln. Dazu A. Th. Khoury:
„Es hat nämlich den
Anschein, als ob der Koran in bezug auf die menschliche Handlung zwei
Ebenen unterscheiden würde. Auf der menschlichen Ebene bringt der Mensch
seine Taten frei zustande und ist folglich für sie verantwortlich. Auf der
Ebene der göttlichen Wirkung ist alles von Gott vorherbestimmt und wird
auch von ihm unbeachtet der Mitwirkung des Menschen ausgeführt.“
(A. Th. Khoury, Der Koran, Übersetzung und
Kommentar, Band 2, 1996, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, Seite 181)
Allerdings beinhaltet diese auf den ersten Blick recht
einleutende Sichtweise der Mechanik göttlicher Einflußnahme eine geradezu
diabolische Komponente: Der Mensch zappelt wie eine Marionette auf der
Erde herum wobei Allah die Fäden in der Hand hält und den Menschen
entsprechend Seiner Verfügung (al-Qadar) zu dessen Schicksalsbestimmung
führt - ein Schicksal, das Er schon vor der Geburt festgelegt hat. Wobei
ja eben gerade die Befähigung, ein gottgefälliges Leben zu führen oder
nicht vorherbestimmt ist! Bleibt die bange Frage, was das alles soll?
►
Prädestination und freier Wille
Die Vorherbestimmung besagt also, daß Gott das Schicksal
Seiner Kreaturen festgelegt hat. Damit ist es nicht nur vorhergewußt
sondern auch vorherbestimmt. Die islamischen
Schriften beinhalten ganz eindeutig die Botschaft der
Vorherbestimmung. Allah hat alles in der Vor-Ewigkeit verfügt.
►
Das Inventar der Schöpfung