Der triebhafte Mann
als Mass aller Dinge
BETSY UDINK
BESCHREIBT DEN ALLTÄGLICHEN TERROR GEGEN FRAUEN IN PAKISTAN, WO DIE
SCHARIA HERRSCHT - EINE REZENSION DES BUCHES „ADAM UND EVA“
VON NECLA KELEK /
DIE WELT / 28. Juli 2007
Die gute
Nachricht zuerst: dieses Buch hat ein Happy End. Aber leider nur für die
Autorin und ihre Tochter Sophie, der es gewidmet ist. Sie konnte nach drei
Jahren mit ihrer Familie Pakistan verlassen und lebt jetzt in der Türkei.
Dass sie dieses Buch schreiben konnte, verdankt sie dem Umstand, dass sie
die Ehefrau eines niederländischen Diplomaten ist. Wir können deshalb
einen Blick in eine unfassbar schreckliche und völlig unbekannte
islamische Welt werfen.
Jetzt die
schlechte Nachricht: Sie werden nach der Lektüre schlecht schlafen und ein
Gefühl ohnmächtiger Wut empfinden. Nein, es handelt sich nicht um einen
Thriller oder ein Buch, das "spannend wie ein Krimi" ist. Es ist ein
Sachbuch. Auf seinem Cover müsste eigentlich eine Warnung ähnlich wie bei
Zigarettenpackungen stehen: "Dieses Buch kann Ihre Seele gefährden".
Es ist der
Bericht einer langen genauen Recherche von Betsy Udink über die Lage der
Frauen (und auch der Männer) und den Islam in Pakistan. Er hat im
niederländischen Original wie im Deutschen den harmlos klingenden Titel
"Allah & Eva". Aber was die Autorin zu berichten hat, ist alles andere als
exotische Betroffenheitsliteratur oder religiöses Sentiment.
1947 wurden
Indien, Pakistan und Bangladesch nach 100jähriger Kolonialherrschaft
Großbritanniens unabhängig. 1956 erklärte sich Pakistan zur ersten
"islamischen Republik" der Welt. Es ist doppelt so groß wie die
Bundesrepublik; etwa 166 Millionen Menschen leben dort unter dem
islamischen Recht, der Scharia. Betsy Udink bereist das Land von Karachi
im Süden her bis in den Norden, ist fasziniert von der Üppigkeit der
Natur, fährt Ski in Malam Jabba, wo die Kinder in der Kälte Plastikhemden
tragen - in einem Land, wo, wie sie lakonisch bemerkt , "Millionen von
Schafen und Ziegen gehalten werden, aber kein Mensch stricken kann". Aber
sie berichtet nur nebenbei von den kleinen Sorgen einer Diplomatengattin,
die das frische, mit Pestiziden voll gepumpte Obst abkochen muss - oder
warum an bestimmten islamischen Feiertagen das Soziusfahren auf Mopeds
verboten ist. Sie geht dort hin, wo dieses "Land der Reinen", wie Pakistan
auf Urdu heißt, sein Wesen zeigt.
In Peschawar, an
der Grenze zu Afghanistan, besucht sie ein Gefängnis, eine stinkend voll
gestopfte Baracke, in der über 70 Frauen festgehalten werden, weil man sie
der "Zina", des Ehebruchs, beschuldigt. Genauer, weil ihre Männer sie des
Ehebruchs anklagen. Sie spricht mit Gulnaz, die als Kind Frau eines
Schusters wurde, drei Kinder bekam und von ihm verstoßen wurde. Er sagte
dreimal: "Ich verstoße dich" und warf sie aus dem Haus. Die Verstoßene
wurde sogleich von ihrer Familie mit einem anderen Mann verheiratet. Sie
bekam von ihm ein weiteres Kind, und als der Schuster dies erfuhr, fühlte
er sich in der Ehre verletzt und klagte Gulnaz des Ehebruchs an, weil die
Scheidung nicht bei der Gemeinde registriert war. Gulnaz, die weder lesen
noch schreiben kann, wurde zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Wenn sie
in drei Jahren entlassen wird, ist sie schon so gut wie tot.
Das pakistanische
Familien- und Ehestandrecht gründet vollständig auf der Scharia. Der
Fortschritt, den Diktator Zia-al Haq 1979 gegenüber der archaischen
Tradition der Muslime in Medina einführte, besteht einzig darin, dass die
Frauen nicht mehr
par ordre de
moufti
gesteinigt und
ausgepeitscht werden, sondern vor Gericht kommen und ins von den Briten
gebaute Gefängnis gesperrt werden.
Die Autorin
beschreibt an weiteren Fällen, wie das Klima gegenüber Frauen in Pakistan
"hasserfüllt und diskriminierend" ist. Besonders deutlich wird dies anhand
der Praxis des "Karo-kari". Es ist ein Begriff aus der Provinz Sindh und
bezeichnet die Tatsache des sogenannten Ehrenmords. Sie schildert
folgenden Fall, der sich zunächst wie die Geschichte von "Romeo und Julia"
liest: Afsheen, eine Studentin aus einer bekannten Anwaltsfamilie,
verliebt sich in Hassan, einen Großcousin. Sie möchten heiraten. Ihre
Familie ist dagegen, weil der junge Mann einem konkurrierenden Clan
angehört. Der Großvater bestimmt, dass sie seinen Enkel, einen Piloten,
heiratet. Die Ehe geht nach wenigen Tagen schief. Der Großvater hatte aber
bereits einen neuen Ehemann für sie ausgesucht. Sie flieht mit Hassan,
wird aber aufgespürt, und der Familienrat beschließt, dass sie sterben
muss, weil das verliebte Mädchen die Ehre des Clan verletzt und damit das
Eigentum der Männer beschädigt hat.
So weit, so
schrecklich. Aber was dann passiert, ist unfassbar. "Ein richtiger Mann
schlachtet die ungehorsame Frau in seiner Familie selbst, wie ein
richtiger Mann auch am Morgen des Id ul-adha, des islamische Opferfestes,
eine Ziege ein Kamel oder einen Ochsen schlachtet. Das lässt man keinen
Metzger machen, das Blut muss über den Fußboden der eigenen Küche ...
fließen", schreibt die Autorin. Afsheen wurde vom Großvater und seinen
Söhnen ermordet. Ihre Leiche wurde, wie bei Karo-Karis üblich, verscharrt.
Obwohl der Fall
landesweites Aufsehen erregte und sich sogar Präsident Musharraf
einschaltete, verliefen die Ermittlungen im Sande, Niemand wurde zur
Verantwortung gezogen. Auch, weil der Vater des Opfers seinem Vater
verziehen hat. Nur er wäre in der Lage, Blutgeld, oder Vergeltung zu
fordern. Der Staat kann durch das islamische Gesetz nicht als Ankläger
auftreten. Mord an Angehörigen ist in diesem Land eine
Familienangelegenheit. Wird tatsächlich jemand angeklagt, fällt die Strafe
milde aus: ein, zwei Monate Gefängnis. Immer wird als legitim und
strafmildernd begründet: Ein Mann, der durch "Zina" gekränkt und beschämt
wurde, könne seine Wut nicht im Zaum halten. Der Mann ist also eine
tickende Zeitbombe. Der pakistanische Minister für Landwirtschaft und
Ernährung erklärte im Parlament, als ein Antrag gegen Ehrenmorde beraten
wurde: "Karo-kari ist eine gute Tradition unseres Landes, und sie löst
sehr schnell soziale Spannungen."
Vor dem Terror
dieser Kultur sind aber auch Gotteslästerer, Andersgläubige und Christen
nicht sicher. Vor allem seit es die Blasphemie-Gesetze gibt. Sie wurden
von Zia al-Huq seit 1985 eingeführt und weder von Benazir Bhutto noch von
General Musharraf abgeschafft oder geändert. Sie bedrohen jeden mit dem
Tode, der den Namen des Propheten oder den Koran befleckt. Das Gesetz hat
sich in der Folge zu einem Terrorgesetz entwickelt, mit dem jeder und
alles verleumdet werden kann, und ist zu einer Waffe der "Rechtgläubigen"
geworden. So wird im Namen des Propheten nicht nur Terror gegen Christen
ausgeübt, es bekriegen sich auch Schiiten und Sunniten. Die Autorin klagt
nicht an, stellt aber fest, dass die kleinen christlichen Organisationen
als einzige in diesem Land so etwas wie Nächstenliebe praktizieren - und
dafür extrem angefeindet werden.
Der "erste
islamische Staat" der Welt ist, liest man den Bericht der holländischen
Beobachterin, die Hölle auf Erden - vor allem für Frauen. Es ist ein
Regime, in dem die "Apartheid der Geschlechter" herrscht, das sich auf
Koran und Hadithe beruft und in einem ungeheuren Maße sexualisiert ist.
Der triebhafte Mann ist das Maß aller Dinge, ihm wird alles untergeordnet,
er ist nicht in der Lage, sich zu beherrschen, ihm wird alles verziehen,
wenn er sich nicht mindesten einmal am Tag "entleeren" kann. Udink
schreibt: "Sex ist die nationale Zwangsvorstellung der pakistanischen
Gesellschaft." Und dies beschreibt sie nicht als Phänomen der verarmten
Massen, sondern als Leitkultur. Da der Zugang zu Frauen durch den
Ehrbegriff und die Kontrolle der Familien eingeschränkt ist, der Islam die
Familienplanung "als westliche Verschwörung gegen den Islam" ablehnt,
sucht sich der männliche Trieb andere Wege.
Udink berichtet
über SAHIL, eine Organisation zum Schutz vor sexuellen Missbrauch von
Jungen. Die unverbesserlichsten Knabenvergewaltiger sind danach die
Polizisten. Es sei an der Tagesordnung, dass Polizisten zu einer
staatlichen Schule oder zu einer Koranschule gingen, sich einen 10 oder
12-jährigen Jungen ausliehen und vergewaltigten. Auch Lehrer seien unter
den Vergewaltigern. Im September 2002 schnitt ein Koranlehrer einem seiner
Schüler die Zunge ab, weil der sich weigerte, sich weiterhin von ihm
missbrauchen zu lassen. Homosexualität ist im Islam geächtet,
"Knabenliebe" aber spätestens seit den Zeiten Harun-al-Rashids eine
Leidenschaft muslimischer Männer, und in Pakistan hat sich eine besondere
bizarre Bigotterie entwickelt: die der Hijras. Es sind Kastraten, sie
kleiden und schminken sich wie Frauen, leben wie Parias in eigenen
Kolonien und verdienen ihr Geld als "Glücksbringer" auf Hochzeiten, mit
Tanz und Prostitution.
Worüber Betsy
Udink nicht schreibt, ist der Kolonialismus. Und dafür bin ich ihr
dankbar. Sie schildert das Land, wie sie es angetroffen hat, fragt nach,
womit die Menschen ihr Verhalten begründen, auf welche Traditionen sie
sich berufen, woran sie glauben. Es stellt sich heraus, dass der Islam wie
er in Pakistan gelebt wird, weit entfernt davon ist, eine spirituelle
Angelegenheit zu sein. Er ist Tradition - und Terror. Das Land ist in den
über fünfzig Jahren seiner Geschichte nicht zu einem Gemeinwesen geworden,
immer noch herrschen Feudalherren und Patriarchen, das islamische Gesetz
der Scharia bestimmt das Leben, Korruption und Willkür werden dieses Land
früher oder später in den Abgrund führen, wenn es nicht schon längst - wie
die Vorgänge um die "rote Moschee" uns kurz vor Augen geführt haben - dort
angekommen ist.
Betsy Udink, der
man für diesen grandiosen, aber unendlich deprimierenden Bericht nur
danken kann, fragt den katholischen Bischof von Mutlan, Dr. Andrew
Francis, wie er die Lage des Landes sehe. Er antwortete: "Die Menschen
hier gehen miteinander um wie die Bestien. Sie stehen nicht einmal am
Anfang der Zivilisation."