Schwule Muslime dicht gedrängt auf ihrem eigenen
Tanzparkett
von Nicholas Kulish
Herald Tribune,
Dienstag, 1. Januar 2008
Berlin:
Sechs Männer drehen sich schneller und schneller im Zentrum des
Nachtclubs, Arm in Arm führen sie einen der traditionellen Kreistänze
durch, welche in der Türkei und im ganzen mittleren Osten sehr populär
sind. Dies ist eigentlich aufgrund des großen muslimischen
Bevölkerungsanteils der deutschen Hauptstadt nicht weiter verwunderlich.
Die meisten Leute jedoch, welche sich am
Samstag im „SO36“ Klub in der Kreuzberggegend aufs Tanzparkett drängen
sind schwul, lesbisch oder bisexuell und haben einen türkischen oder
arabischen Hintergrund. Sie kommen hierhin um ihre monatliche Klubnacht „Gayhane“
zu feiern. Dies ist eine der äußerst seltenen Möglichkeiten ihre sexuellen
und kulturellen Identitäten zu vermischen.
Europäische Muslime werden oft etwas
eindimensional als Krawallbrüder, Ehrenmörder oder Terroristen
abgestempelt. Sie leben jedoch sehr unterschiedliche Leben, die meisten
von ihnen versuchen, einen Lebensunterhalt zu verdienen und sich zu
amüsieren. Letzteres ist schwieriger, wenn man gleichzeitig muslimisch und
schwul ist.
„Wenn du hier reinkommst ist es, als wenn
du dir um den Alltag draußen zu lassen eine Maske anziehen würdest, damit
du dich amüsieren kannst.“ Der 22-jährige türkische Sprecher will anonym
bleiben, denn er hat Angst, daß seine Familie, wenn sie um seine sexuelle
Orientierung wüsste, ihn ächten oder sich gar zu schlimmeren Taten
hinreißen lassen würde.
Sicherheit und Geheimhaltung kommen
häufig als Gesprächsthema auf, wenn man sich hier mit Gästen unterhält.
Zwar lachen und tanzen sie, aber sie gucken sich immer wieder verstohlen
über die Schultern. Schwul oder lesbisch zu sein und Migrationshintergrund
zu haben, bringt zweierlei Probleme mit sich.
„Es kommt drauf an in welchem Teil von
Berlin ich mich befinde ob ich in den Mund getreten werde, weil ich
entweder Ausländer bin oder aber weil ich eine Queen bin“, meint
Fatma Souad, welche diese Veranstaltungen organisiert und auch deren
Zeremonienmeister ist. Sie ist eine 43-jährige transsexuelle
Performance-Künstlerin, welcher als Knabe Ali in Ankara zur Welt kam und
diese Party schon über 10 Jahren schmeißt.
1983 verließ Souad als Teenager die
Türkei und kam nach Berlin. Sie ist gelehrte Damenschneiderin und spielte
in einer Punkband. Durch einen Freund entdeckte sie dann später die Musik
des mittleren Ostens und lernte bauchtanzen. 1988 rief sie ihr erstes
Bauchtanztheater „Salon Oriental“ ins Leben und die erste Gayhane (hane
bedeutet auf türkisch „Heim“) Party fand im Januar 1997 statt.
Um Mitternacht ist der Klub bumsvoll und
vor dem Eingang stehen die Leute immer noch Schlange. Souad steht auf der
Bühne; sie trägt einen weißen Turban, weiße Netzhandschuhe, einen
schwarzen Frack mit Schwänzen und einen silbernen Kummerbund. Ihr Make-up
ist perfekt mit Eyeliner und Wimperntusche. Sie tanzt leichtfüßig, mit
flüssigen Bewegungen; gekonnt verrenkt sie ihre Hände und wackelt mit den
Hüften.
Unter farbig blitzendem Licht tanzen die
Gäste – manche in dreadlocks, andere mit Frisuren die sorgfältig
mit Gel fixiert sind – zu Musik wie die vom Ägypter Amr Diab oder dem
Algerier Cheb Mami. Traditionelle Trommelrhythmen kreuzen sich mit
elektronischen, Flöten und Oud Melodien vermischen sich. Wenn
einige Kreistänze (halay auf türkisch) gleichzeitig vom Stapel
laufen, beginnt der Boden von all dem Getrampel zu beben.
Ipek Ipekcioglu, eine der
Stammdiscjockeys, begann ihre Karriere quasi über Nacht, als ein
Mitbegründer von SO36 auf sie zukam und fragte, ob sie türkisch und eine
Lesbe sei. „Also bring deine Kassetten und mach Musik.“
Sie spielt alles von türkischer und
arabischer zu griechischer, balkanesischer bis hin zu indischer Musik und
nennt ihren Stil „Eklektik BerlinIstan“. Sie ist nun schon seit sechs
Jahren eine Vollprofi und arbeitet weltweit als Discjockey.
Die Disco ist mit leuchtgelben
Wandbehängen dekoriert auf denen Elefanten, Kamele und sogar ein
fliegender Teppich zu sehen sind. Laut Gründer Souad absichtlich etwas
kitschig und möglichst weit weg von irgendetwas Islamischem. „Wir passen
auf, daß nichts Religiöses hier reinkommt, auch nicht in die Musik.“
Draußen kann man das laute Knallen von
Feuerwerkskörpern hören, die ersten Testrunden, deren jährliche Kakaphonie
die Ohren der Gäste läuten läßt. Seit Jahrzehnten sind in Kreuzberg jede
Mengen von Türken und Kurden ansässig. Viele davon haben sehr konservative
religiöse Werte. Sie sind jedoch gezwungen, ihre Nachbarschaft, welche an
die ehemalige Berlinermauer angrenzt, mit vielen Vertretern der
Gegenkultur wie Künstler, Anarchisten, Schwule und Lesben zu teilen.
Laut dem Schwulenmuseum in Berlin,
welches auch über die Geschichte der deutschen Homosexualität informiert,
„bildete sich in Berlin bereits Mitte des 18. Jahrhunderts wenn nicht
sogar schon früher eine lebendige Schwulenszene.“ Berlin wurde während der
Weimarer Republik (und auch, als Westberlin noch von einer Mauer umgeben
war) als eine Oase für Schwule und Lesben berühmt, was vom Schriftsteller
Christopher Isherwood in einem seiner Romane verewigt wurde. Heutzutage
hat die Stadt einen erklärten und populären schwulen Bürgermeister namens
Klaus Wowereit.
Die Schwulen und Lesben mit muslimischem
Familienhintergrund erfahren jedoch Zuhause eine außergewöhnliche
Diskriminierung. Eine Studie welche im September 2007 von ungefähr 1000
jungen Berliner/innen gemacht wurde und in der deutschen Presse große
Beachtung fand, erkennt bei der türkischen Jugend einen in sehr viel
stärker vertretenen Schwulenhass.
„Diese Unterschiede gibt es“, sagt Bernd
Simon. Er ist Professor für Sozialpsychologie an der Christian-Albrecht
Universität in Kiel und leitete die Studie. „Wir können diese Resultate
nicht wegzaubern. Die Frage ist, was fangen wir damit an.“
„Die Antwort ist nicht, Schwulenhass mit
Muslimhass zu ersetzen, fügt er hinzu und weist darauf hin, daß
Schwulenhass auch unter den russischen Immigranten und in ländlicheren
Gegenden Deutschlands stärker verbreitet sei.
Der 22-jährige Türke Kader Balcik aus
Hamburg sagt: “Für uns Muslime ist es außerordentlich schwierig, schwul zu
sein. Wir werden automatisch von unserer Familie abgeschnitten.“
Er zog kürzlich nach Berlin, nachdem ihn
seine Mutter mied, weil er bisexuell ist. Mit Tränen in den Augen fragt
er: “Was für eine Mutter ist das, die ihrem Sohn den Tod wünscht?“
Der 21-jährige Hasan will seinen
Nachnahmen nicht bekannt geben. Er sitzt an einem Tisch im ruhigeren Cafe,
welches neben dem Klub zu finden ist. „Sie würden mich umbringen. Meine
Brüder würden mich umbringen.“ Als er gefragt wird, ob er dies im
übertragenen Sinn meint betont er: “Nein, ich sage, sie würden mich
umbringen.“
„Ich lebe ein Leben hier und das andere
so wie sie es wollen“, sagt er und meint damit seine Eltern. Er denkt
immer noch, daß er heiraten wird. Doch nicht sofort, wie das seine Eltern
wollen, sondern erst wenn er 30 geworden ist. „Ich muss eines Tages Kinder
haben, ich muss tun was der Islam von mir verlangt. Ich würde mit alldem
aufhören, wenn ich ein (rein) homosexuelles Leben führen würde. Ich würde
es stoppen.“
Er steht auf und ruft seinen zwei
Freunden: “Okay, Jungs, gehen wir tanzen, wir sind hier um uns zu
amüsieren.“ Grinsend marschieren sie Richtung Disco.