Der Islam will die Welteroberung
Die Kriegsregeln sind
flexibel, das Kriegsziel bleibt: Mohammeds kämpferische Religion
Von
Prof. Egon Flaig
"Dann wollen wir, dass die
Fahne des Islam wieder über diesen Landschaften weht, die das Glück
hatten, eine Zeitlang unter der Herrschaft des Islam zu sein und den Ruf
des Muezzins Gott preisen zu hören. Dann starb das Licht des Islam aus und
sie kehrten zum Unglauben zurück. Andalusien, Sizilien, der Balkan,
Süditalien und die griechischen Inseln sind alle islamische Kolonien, die
in den Schoß des Islam zurückkehren müssen. Das Mittelmeer und das Rote
Meer müssen wieder islamische Binnenmeere wie früher werden." Diese Sätze
stammen nicht von Al Qaida; sie finden sich im Programm, das der Gründer
der Muslim-Brüderschaft Hassan Al Banna in einer Rede formulierte. Die
Bruderschaft zählt heute Millionen und hat sich weit über Ägypten hinaus
verbreitet. Ihre Intellektuellen agieren in Europa und in den Vereinigten
Staaten; sie gelten als ,moderat" und werden von den Medien entsprechend
bedient. Planmäßige Rückgewinnung "verlorener" Gebiete gehört in die
Programme von Staaten, welche um territoriale Machtausübung kämpfen, also
von politischen Gemeinschaften. Wie kann sie ins Programm einer Religion
gehören? Ist der Islam eine Religion wie andere?
Seit Beginn der klassischen
Zeit zwischen dem neunten und dem elften Jahrhundert teilen die
islamischen Juristen die Welt in zwei Teile, nämlich das "Haus des Islam"
und das "Haus des Krieges". Diese Zweiteilung hängt nicht davon ab, wo
Muslime in großer Anzahl leben oder gar die Mehrheit darstellen, sondern
davon, wo der Islam herrscht - in Gestalt der Scharia - oder wo er nicht
herrscht. Diese Dichotomie ist also keine religiöse, sondern eine
politische. Zwischen diesen beiden Teilen der Welt herrscht naturgemäß so
lange Krieg, bis das Haus des Krieges nicht mehr existiert und der Islam
über die Welt herrscht (Sure 8, 39 und 9, 41). Daher besteht nach
klassischer Lehre für die muslimische Weltgemeinschaft die Pflicht, gegen
die Ungläubigen Krieg zu führen, bis diese sich bekehren oder sich
unterwerfen.
Dieser Krieg heißt Dschihad.
Lautete der Missionsauftrag Jesu, alle Völker zu bekehren, ihnen aber ihre
politische Ordnung zu lassen, so besteht das Ziel des Islam darin, alle
Nichtmuslime politisch zu unterwerfen, ihnen aber ihre Religion zu lassen,
falls es Buchreligionen sind. Der allgemeine Befehl Gottes zum Dschihad
wird entnommen aus Sure 9, 29. Gewiss, winzige pazifistische Strömungen im
Islam haben diese Interpretation nicht akzeptiert. Die Schiiten
akzeptieren sie zwar, verlangen aber, dass ein echter Imam die muslimische
Gemeinschaft anführt (und auf einen solchen warten sie schon mehr als
dreizehn Jahrhunderte), daher gilt für sie vorläufig nur der defensive
Dschihad, also falls die muslimische Gemeinschaft angegriffen wird.
Dagegen haben die andere
Strömungen, etwa die sogenannten charidschitischen, die Aussage von Sure
9, 29 radikalisiert: Sie sehen im Dschihad eine individuelle Pflicht jedes
tauglichen Muslim, welche als sechste Säule neben den anderen fünf
kardinalen Pflichten steht. Konsequenz dieser Lehre: Wenn jeder entweder
an der kollektiven Kriegführung gegen die Ungläubigen teilnehmen muss oder
- falls die muslimische Gemeinschaft dafür momentan zu schwach ist -
allein, gruppenweise auf eigene Faust kriegerisch agieren muss, dann sind
Attentate und Terroranschläge das Richtige. Was die Charidschiten für den
offensiven Dschihad verlangen, gilt bei den meisten Vertretern der
orthodoxen Lehre der Sunna für den defensiven: Wird der Islam angegriffen
oder islamisches Territorium von Ungläubigen besetzt, dann wird der
Dschihad zur individuellen Pflicht; eine Fatwa des Großmufti der
Al-Azhar-Universität in Kairo von 1948 - gerichtet gegen Israel - lässt
daran keinen Zweifel. Jedwede feindliche Macht, welche sich an die Haager
Landkriegsordnung hält und streng unterscheidet zwischen Kombattanten und
Nichtkombattanten, gerät hierbei in größte Schwierigkeiten.
Der Kriegszustand dauert
an, bis das Haus des Krieges vernichtet und die Welt erobert ist. Darum
nennt Majid Khadduri den Islam eine "göttliche Nomokratie auf
imperialistischer Basis". Friedensverträge, welche islamische Herrscher
mit nichtislamischen abschlossen, gelten nur als Waffenstillstände;
deshalb wurden sie in der Regel für höchstens zehn Jahre abgeschlossen;
zwei Rechtsschulen erlaubten nur drei bis vier Jahre Frieden. Die kurzen
Fristen ermöglichten es den militärisch überlegenen Muslimen, die
Gegenseite unentwegt zu erpressen; auf diese Weise sind im Laufe der
Jahrhunderte riesige Mengen an Geldern und Menschen an die muslimische
Seite geflossen. Als sich die Kräfteverhältnisse verschoben, mussten
muslimische Herrscher die Praxis ändern. So schloss 1535 Suleiman der
Prächtige mit dem französischen König einen Frieden, der so lange gelten
sollte, wie der Sultan lebte - ein Bruch mit der Tradition. Christliche
Theologen versuchten - angesichts einer Pluralität von Staaten - zu
definieren, was ein "gerechter" Krieg war und was nicht; Kriege einzig um
des Glaubens willen galten überwiegend nicht als gerecht. Für muslimische
Gelehrte ist hingegen das "Haus des Islam" eine politische Einheit, welche
keinen inneren Krieg duldet; darum ist allein der Krieg zur Unterwerfung
der Ungläubigen legitim gewesen und obendrein Pflicht, wie der berühmte
Gelehrte Ibn Chaldun im vierzehnten Jahrhundert kategorisch sagt: "Im
Islam ist der Dschihad gesetzlich vorgeschrieben, weil er einen
universalen Auftrag hat und gehalten ist, die gesamte Menschheit
freiwillig oder gezwungen zur Religion des Islam zu bekehren."
Die Kriegsregeln des
Dschihad sind flexibel. Von der Schonung über Massenversklavung bis zur
massenhaften Tötung ist nach Khadduri alles möglich, genau wie bei
Griechen und Römern. Das unterscheidet die heiligen Kriege des Islam
fundamental von denjenigen des alttestamentlichen Israel, welche vorsahen,
dass außerhalb Israels alles Männliche zu töten, auf israelischem Boden
hingegen alles Lebendige überhaupt zu vernichten war (Deuteronom. 20,
10-20). Wir pflegen uns darüber zu empören, was die Kreuzfahrer 1099 in
Jerusalem anrichteten. Indes, die Kreuzfahrer handelten nach gängigem
Kriegsrecht; muslimische Eroberer taten derlei unentwegt und überall: 698
traf es Karthago, 838 Syrakus; der berüchtigte Wesir des Kalifats von
Córdoba, Al Mansur, führte in siebenundzwanzig Jahren fünfundzwanzig
Feldzüge gegen die christlichen Reiche Nordspaniens, versklavend,
vernichtend und verwüstend; es traf Zamora (981), Coimbra (987), León,
zweimal Barcelona (985 und 1008), dann Santiago de Compostela (997).
Am furchtbarsten
verwüsteten die Dschihads das damals noch so städtereiche byzantinische
Anatolien; das Massaker von Amorium (838) ist lange ein Fanal geblieben;
die städtische Kultur Anatoliens hat sich davon nie wieder erholt.
Herren und Unterworfene:
Der Kampf wird im Namen der Scharia geführt
Der Seldschuke Alp Arslan
ließ ganze armenische Städte massakrieren, am furchtbarsten 1064 die
Hauptstadt Ani. Mehr als berechtigt darum das Urteil von Bat Ye'or: "Die
Maßlosigkeit, die Regelmäßigkeit und der systematische Charakter der von
den islamischen Theologen zur Norm erhobenen Verwüstungen unterscheiden
den Dschihad von anderen Eroberungskriegen." Gewiss, die Massenversklavung
blieb das beliebteste Kriegsziel. So entstand schon im achten Jahrhundert
die größte Sklavenhaltergesellschaft der Weltgeschichte; sie benötigte
eine ständige Zufuhr immer neuer Sklaven; sie transformierte den
afrikanischen Kontinent zum größten Sklavenlieferanten, ein Schicksal,
welchem Europa knapp entkam.
Singulär ist die enorme
Geschwindigkeit, mit der binnen neunzig Jahren ein arabisches Großreich
zwischen Südfrankreich und Indien entstand, ohne dass ein einzelner
Eroberer die Expansion gelenkt hätte. Der erfolgreichste Imperialismus der
Weltgeschichte erregte nicht zuletzt die Bewunderung Hegels: "Nie hat die
Begeisterung als solche größere Taten vollbracht." Wenn "Begeisterung"
solches vermochte, worauf beruhte sie? Die Antwort ist einfach: auf dem
Märtyrertum. Ein Ereignis des Jahres 963 in Konstantinopel illustriert
das: Kaiser Nikephoros Phokas hatte soeben die arabischen Besatzer aus
Kreta vertrieben; nun plante er einen großen Krieg, um Ostanatolien und
Nordsyrien von der muslimischen Herrschaft zu befreien. Ein Konzil sollte
ihm helfen; eindringlich bat er die versammelten Bischöfe, sie sollten
Soldaten, die im bevorstehenden Kampf fielen, zu Märtyrern erheben. Diesen
Soldaten wäre also das Paradies sicher gewesen. Der Patriarch stellte sich
gegen den Kaiser: Kein kirchliches Konzil sei imstande, Gottes Ratschluss
zu antizipieren; allein Gott entscheide über das Heil.
Eine welthistorische
Schlüsselszene. Der Kaiser wusste, was auf dem Spiele stand. Immer wieder
hatten die Byzantiner erleben müssen, wie die muslimischen Truppen mit
einer Tapferkeit kämpften, zu der die Christen nicht imstande waren.
Gefallene Muslime gelten als Märtyrer für den Glauben und marschieren als
Gefallene geradewegs ins Paradies. In den beiden Religionen unterscheidet
sich der Begriff des Märtyrers fundamental. Christliche Märtyrer imitieren
das Leiden Jesu, erleiden passiv Folter und Tod; muslimische Märtyrer sind
aktive Kämpfer.
Maßgeblich für die
Todesbereitschaft der Krieger ist das unverbrüchliche Versprechen, dass,
wer für seinen Glauben stirbt, das ewige Heil erhalte (Sure 4, 74-76).
Muslime sollten einer zehnfachen Übermacht standhalten (Sure 8, 66-67);
spätere Rechtsgelehrte erlaubten, wie Khadduri schreibt, den Rückzug,
falls man einer mindestens doppelten Übermacht des Feindes gegenüberstand.
Da die entscheidende Ressource jedes Krieges der kämpfende Mensch und
seine Opferbereitschaft ist, half es den Byzantinern nichts, technisch den
Arabern und Seldschuken gleichwertig zu sein; langfristig mussten sie
unterliegen, falls ihre Kampfmoral nicht dieselbe Höhe erreichte. Höhere
Todesbereitschaft bringt enorme Vorteile in der Gefechtssituation: so
lassen sich waghalsige Operationen angehen und kühne Manöver, die den
Feind überraschen und verwirren; so lassen sich Siege erzwingen, die
technisch und materiell fast nicht möglich scheinen, und Schlachten
gewinnen, die unter üblichen Bedingungen verloren sind.
Nikephoros wusste um die
militärischen Konsequenzen von Sure 4, 74-76; er war der erste, der die
prinzipielle kriegerische Unterlegenheit der christlichen Religion zu
korrigieren suchte. Doch die Bischöfe der Ostkirche sahen sich
außerstande, ihre Theologie so zu manipulieren, dass ein kriegerisches
Märtyrertum hätte entstehen können. Dabei blieb es. Die byzantinischen
Kaiser mussten ihre schweren Abwehrkriege gegen die ständigen
sarazenischen und seldschukischen Aggressionen führen, ohne dass ihnen die
Religion dort half, wo Hilfe am nötigsten war.
Erst die Westkirche
veränderte die theologisch-politische Situation: als Papst Urban II. 1095
zum ersten Kreuzzug aufrief, versprach er den christlichen Kriegern den
Erlass der Sünden: Gefallene Kreuzeskrieger umgingen demnach das göttliche
Gericht; sie wurden insofern den Märtyrern gleichgestellt, obschon ihnen
dieser Name verwehrt blieb. Der Papst als Oberhaupt einer monarchisch
organisierten Kirche tat genau das, was ein Konzil östlicher Bischöfe
nicht vermochte: Er verfügte über das Heil. Die Papstkirche konnte nun
ebensolche "Heiligen Kriege" führen, wie der Islam es seit Jahrhunderten
zu tun pflegte. Worin unterscheiden sich dann Kreuzzüge und Dschihad?
Kreuzzüge konnte allein der Papst ausrufen; daher blieben sie sehr selten
- verglichen mit den unzähligen, unaufhörlichen und ubiquitären Dschihads
der islamischen Welt.
Und die Ziele von
Kreuzzügen blieben genau begrenzt; im November 1095 nannte Urban II. in
Clermont Grund und Ziel des Kreuzzuges: "Es ist unabweislich, unseren
Brüdern im Orient eiligst Hilfe zu bringen. Die Türken und die Araber
haben sie angegriffen und sind in das Gebiet von Romanien (Konstantinopel)
vorgestoßen; und indem sie immer tiefer eindrangen in das Land dieser
Christen, haben sie diese siebenmal in der Schlacht besiegt, haben eine
große Anzahl von ihnen getötet und gefangen genommen. Wenn ihr ihnen jetzt
keinen Widerstand entgegensetzt, so werden die treuen Diener Gottes im
Orient ihrem Ansturm nicht länger gewachsen sein." Die ersten Kreuzzüge
bezweckten, entweder bedrängten Christen zu Hilfe zu kommen oder die
Heiligen Stätten in Palästina zu befreien oder von den Muslimen
unterworfene Christen zu befreien. Dagegen hielten die muslimischen
Rechtsgelehrten immer am Endziel fest, das "Haus des Krieges" zu erobern
und alle Ungläubigen zu unterwerfen.
Urban II. sah richtig. Wäre
Konstantinopel schon 1100 gefallen, dann hätte die enorme militärische
Kraft der türkischen Heere Mitteleuropa vierhundert Jahre früher
heimgesucht. Dann wäre die vielfältige europäische Kultur wahrscheinlich
nicht entstanden: keine freien städtischen Verfassungen, keine
Verfassungsdebatten, keine Kathedralen, keine Renaissance, kein Aufschwung
der Wissenschaften; denn im islamischen Raum entschwand das freie -
griechische! - Denken eben in jener Epoche. Jacob Burckhardts Urteil -
"Ein Glück, dass Europa sich im ganzen des Islams erwehrte" - heißt eben
auch, dass wir den Kreuzzügen ähnlich viel verdanken wie den griechischen
Abwehrsiegen gegen die Perser.
Indes, wurden Kreuzzüge
nicht häufig missbraucht? Gewiss. Kreuzzüge "entgleisten" und wurden
"zweckentfremdet", wie etwa jener, der 1204 zur Eroberung des christlichen
Konstantinopel führte. Doch das passierte mit Dschihads weitaus häufiger.
Wenn die Sklaven knapp wurden, führten Emire nicht nur Dschihads gegen
nichtmuslimische Völker, welche zu versklaven geboten war, sondern immer
häufiger auch gegen islamisierte Völker, unter dem Vorwand, es seien keine
wahren Muslime. Das geschah vorwiegend in Afrika und gegen
Schwarzafrikaner, so, als zuerst Songhay 1468, dann die Marokkaner 1552
Mali überfielen, so auch, als seit dem achtzehnten Jahrhundert religiöse
Reformer im Sahel ihre Dschihads gegen die muslimisierten Haussa-Städte
führten, woraus das Kalifat Sokoto entstand - mit der drittgrößten
Sklavenmenge nach Brasilien und den amerikanischen Südstaaten. An den
Folgen dieser immer weiter gehenden Dschihads mit ihren Genoziden und
Massenversklavungen leidet Afrika bis heute.
Indes, für welche
politische Ordnung führten die Muslime ihre Heiligen Kriege mit dieser
Vehemenz und diesem Erfolg? Für die Scharia. Eine politische Ordnung, die
erstens Herren und Unterworfene streng absondert, zweitens die politische
und soziale Ordnung der menschlichen Verfügung weitgehend entzieht.
Bleiben wir beim ersten Aspekt: In der Scharia sind die Muslime die
Herren, die Anhänger anderer Buchreligionen - Christen, Juden, Parsen,
Buddhisten - Unterworfene, "Dhimmi"; dabei handelte es sich nicht um
religiöse Minderheiten, sondern um gewaltige Mehrheiten, vor allem in
Syrien, in Anatolien, oder um die Christen Nordafrikas.
Die Unterworfenen durften
keine Waffen tragen, sie waren wehrunfähig, somit keine vollwertigen
Männer. Christen und Juden mussten besondere Farben oder Kleidungsstücke
tragen (diese Diskriminierung führte zum Judenstern), um als "Dhimmi"
kenntlich zu sein; sie durften nicht auf Pferden reiten, sondern nur auf
Eseln, damit sie ständig an ihre Erniedrigung erinnert wurden; sie zahlten
einen Tribut (Jizya), den sie persönlich entrichteten, wobei sie einen
Schlag an den Kopf erhielten. Sie mussten sich von Muslimen schlagen
lassen, ohne sich wehren zu dürfen; schlug ein "Dhimmi" zurück, dann wurde
ihm die Hand abgehackt, oder er wurde hingerichtet. Die Zeugenaussage
eines "Dhimmi" galt nicht gegen Muslime; diese brauchten für Vergehen an
einem "Dhimmi" nur halbe Strafe zu tragen; und wegen eines solchen
Unterworfenen konnten sie nie hingerichtet werden. Umgekehrt waren
grausamste Hinrichtungsarten überwiegend den "Dhimmi" vorbehalten.
Sogar jene Diskriminierung
der Juden, zu der vierhundert Jahre nach dem Islam die Westkirche auf dem
IV. Laterankonzil von 1215 schritt und die uns so barbarisch anmutet,
bezweckte und erreichte keine Erniedrigung dieses Ausmaßes. Eine besondere
Drangsalierung brachte die türkische Herrschaft: seit 1360 wurde in
unregelmäßigen Abständen bis zu einem Fünftel aller christlichen Kinder in
die Sklaverei abgeführt. Sie wurden zwangsbekehrt.
Diese Sklavenmenge dürfte
im Laufe von vier Jahrhunderten in die Millionen gegangen sein; davon
wurden Hunderttausende ausgewählter Knaben zu fanatischen Muslimen und zu
Elitekämpfern erzogen, zu den berüchtigten Janitscharen: eine Politik zur
systematischen Vermehrung der muslimischen Bevölkerung und zur
allmählichen Auslöschung der Christen. Sie hatte Erfolg. Die "Dhimmitude"
versetzte die Nichtmuslime in eine radikale Andersheit: Die Menschen in
diesem Zustand als "Bürger zweiter Klasse" zu bezeichnen ist
Schönrednerei. Wie der Nationalsozialismus die Menschen in Herren- und
Untermenschen auf rassischer Basis spaltete, so hat es die Scharia auf
religiöser Basis getan. Als erste Weltreligion schuf der Islam eine
Apartheid, in der die christlichen oder auch parsischen Mehrheiten
kolonisiert und allmählich islamisiert wurden. Islamische Toleranz hieß:
Duldung der Unterworfenen als Gedemütigte und Erniedrigte. All das ist
durch Studien zur "Dhimmitude" bekannt. Aber wer will von den
millionenfachen Opfern hören?
Der Islam hat riesige
Territorien religiös "gesäubert": der zweite Kalif machte den Hidjaz, also
Arabien außer dem Jemen, "christenrein" und "judenrein"; die Alternative
hieß Konversion oder Vertreibung. Das hat - von alttestamentlichen Fällen
abgesehen - niemals zuvor eine Religion gemacht. Ebenso "reinigten" die
Almohaden und Almoraviden ihr Spanien nach dem Zusammenbruch des Kalifats
1031: Zehntausende Juden wie Christen mussten entweder konvertieren oder
ins christliche Nordspanien oder in die Levante fliehen. Gewiss, englische
und französische Könige und dann die Könige Spaniens selber taten später
das gleiche; sie wandten dabei ein muslimisches Rezept an.
Und die Pogrome? Seit dem
Kalifen Al-Mutawakkil (847 bis 861) schwappten immer wieder Verfolgungen
über den Orient und Nordafrika, wobei Juden und Christen zwangsbekehrt,
vertrieben oder massakriert wurden. Die ständige Zerstörung von Kirchen
ging bis ins vorletzte Jahrhundert weiter. Allmählich zerlaufen auf dem
verklärten Bild des muslimischen Spanien, welches der europäische
Antiimperialismus im neunzehnten Jahrhundert geschaffen hat, die blumigen
Farben. Sorgfältige Aufarbeitung der Dokumente bringen darunter ein
anderes Bild zum Vorschein. Dort kam es 889 in Elvira und 891 in Sevilla
zu umfassenden Pogromen gegen Christen. Im marokkanischen Fez wurden 1033
über 6000 Juden massakriert. 1058 wurde das christliche Antiochia unter
Folter und Todesdrohungen muslimisch gemacht.
Das erste große Pogrom
gegen Juden auf europäischem Boden fand 1066 im muslimischen Granada
statt; dabei kamen 1500 jüdische Familien um. 1135 wurde das Judenviertel
Córdobas niedergebrannt, die Zahl der Massakrierten nicht zu wissen mag
heilsam sein. 1159 standen sämtliche Christen von Tunis vor der Wahl, zu
konvertieren oder zu sterben. Um diese Zeit wurde das ehemals so vitale
Christentum Nordafrikas vollends vernichtet. Die Pogrome im christlichen
Herrschaftsgebiet sind kein Ruhmesblatt der europäischen Kultur; aber ihre
Ausmaße bleiben zurück hinter jenen der islamischen Welt. Wir brauchen
dringend eine vergleichende Geschichte religiöser Unterjochung.
Reden wir von
Integration der Juden? Nirgendwo unter der Herrschaft des Islam, und auch
nicht im spanischen Kalifat, waren Juden Bürger ihrer Stadt; sie blieben
stets Unterworfene. In manchen deutschen Städten - Worms, Augsburg und
anderen - des Hochmittelalters waren die Juden Stadtbürger besonderen
Rechts, sie hatten das Recht, Waffen zu tragen, und waren bessergestellt
als ärmere christliche Einwohner. Sie waren bis ins vierzehnte
Jahrhundert, als sich ihre Situation verschlechterte, weit besser
integriert, als die Juden im muslimischen Spanien es jemals sein konnten.
Wer die politische Integration für die wichtigste hält, kann nicht umhin,
Augsburg über Córdoba zu stellen. All das ist seit über fünfzehn Jahren
wissenschaftlich bekannt. Aber wer will es hören?
Seine Vergangenheit nicht
zu kennen heißt, sie wiederholen zu müssen. Wer weiterhin das Märchen von
der islamischen Toleranz verbreitet, behindert jene muslimischen
Intellektuellen, die ernsthaft an jener Reform des Islam arbeiten, die im
neunzehnten Jahrhundert so erfolgversprechend begann. Denn er beraubt sie
der Chance, eine Vergangenheit zu überwinden, die ansonsten zur
abscheulichen Gegenwart zu werden droht.
Gelänge es den Reformern, den Islam radikal zu entpolitisieren, dann
könnten die Muslime zu wirklichen Bürgern in ihren Staaten werden. Übrig
bliebe jene hochgradig spirituelle Religion, die nicht nur Goethe
fasziniert hat: Hegel nannte den Islam die "Religion der Erhabenheit".
Dazu könnte er werden.
Quelle: FAZ, 16.09.2006,
Nr. 216